Normale Ansicht

Der konfrontative Bruder von Bomb Busters: Got Five!

Von: ravn
09. Juni 2026 um 18:15

Vorzeitig lösen oder weiterspielen? Nur einer von uns kann gewinnen. Die Spannung liegt knisternd in der Luft oder verflüchtigt sich, wenn eine Partie in ratlose Überlänge geht und jeder am Tisch nur noch auf den entscheidenden Hinweis wartet. Wer zu lange wartet und zudem nichts wagt, der hat hier allerdings keine Chance.

Die Spieleschachtel von Got Five! (nur echt mit dem Ausrufezeichen, das ich hier ab sofort weglasse, um den Lesefluss zu erhalten und meine Rechtschreibprüfung nicht verrückt zu machen) hat schon einen starken Aufforderungscharakter. Da lächeln mich fünf farbige Klötzchen mit ihren Glubschaugen verschmitzt an und scheinen fröhlich aus der Reihe tanzen zu wollen. Zwei bis vier Spieler dürfen mitmachen und in rund 15 Minuten ist schon wieder alles vorbei, sofern wir uns nicht tot grübeln und an unseren Deduktionskenntnissen verzweifeln. Aber dazu später mehr.

Der Autor Yoann Levet ist kein Unbekannter. Vor nun mehr 14 Jahren hat er den Ameisenbau-Optimierer Myrmes bei Ystari Games veröffentlicht und uns 2022 das Codeknacken per Turing Machine gelehrt. Dieses Jahr nun der Ausflug ins Genre der knuffigen Familienspiele bei Blue Orange und Asmodee. So harmlos leicht Got Five optisch daherkommt, ist es dann doch nicht. Im spielerischen Kern versuchen wir unsere fünf geheimen Zahlen auf haptisch schönen Plastiksteinchen zu erraten und das, bevor unsere lieben Mitspieler uns zuvor kommen.

Das Gemeine ist, dass alle außer mir selbst (ich wechsele mal geschickt in die Einzahl, um Euch nicht zu verwirren) meine vor mir aufgebaute Steinchenreihe kennen. Die wird vorab von denen sogar noch aufsteigend sortiert. Ich weiß also, dass mein rotes Steinchen eine kleinere Zahl als mein grünes Steinchen zeigt. Das sagt mir im Spielverlauf mehr aus, als ich zunächst vermute. Da es 60 Steinchen gibt und keines davon einen doppelten Wert von 1 bis 60 hat, kann ich nun alle mir zugewandten Mitspieler-Zahlen auf meinem abwischbaren Spielertableau abstreichen. Das halte ich versteckt hinter meinem Sichtschirm, der mir zudem den Spielablauf in Erinnerung hält.

Noch dazu die fünf für alle offenen Steinchen abgestrichen und schon wird mir hoffentlich klar, dass ich noch etliche andere Zahlen für mich ausschließen kann. Schließlich kenne ich ja meine aufsteigende Farbreihenfolge. Bin ich am Zug und das sind wir reihum, decke ich ein beliebiges Steinchen meiner favorisierten Farbe aus der Mitte auf und ergänze damit den Vorrat der offen liegenden Steinchen. So habe ich immer sechs zur Auswahl und eines davon darf ich durch Mitspielerhand in meine Steinchenreihe einordnen lassen. Wenn Ihr dazu noch einen entsprechenden aufsteigenden Soundeffekt macht und es von links nach rechts wandern lässt, bis es in meiner Spielleiste seinen Platz gefunden hat, dann und genau dann habt Ihr die Stimmung zwischen locker-leicht und konzentriert-grüblerisch getroffen. Alternativ stapel ich das ausgesuchte Steinchen auf eines meiner fünf eigenen Steinchen und lasse den Punktewert von 1 bis 3 vergleichen. Auch das gibt mir Hinweise, denn mein Spielertableau listet nicht nur die farbigen Steinchen auf, sondern auch deren Punktewert-Verteilung.

Auf diese Weise komme ich meiner Lösung immer näher und rufe schließlich „Hab die Fünf!“ aus. Da das jeder am Tisch jederzeit machen kann, ist die Anspannung spürbar, wie viel Zeit wir uns noch lassen können oder ob wir es doch wagen sollten. Allerdings haben wir nur einen einzigen Lösungsversuch, der bei manchen, wie bei mir selbst erlebt, eher zum Rateversuch wird. Nach nur drei Zügen war ich mir so felsenfest sicher, dass ich vorschnell und glücklich zugleich „Hab die Fünf!“ ausrief. Meine Mitspieler schauten mich nur verdutzt an und nachdem ich meine vermeintliche Zahlenreihe vorlas und nur ein einstimmiges Kopfschütteln sah, war ich es, der nun verdutzt zurückblickte. Hatte ich mich so vertan? Oh ja, wie sich später zeigte.

Falsche Rater scheiden zudem für den Rest der Spielrunde aus und dürfen nur noch zuschauen. Finde ich fair, weil verhindert, dass sich so manch vorschnell aus der Deckung wagt und einfach nur wild rät. Einen Ausgleich für alle, die nicht Startspieler sind, gibt es übrigens nicht. Aus Gründen der Fairness empfehle ich deshalb, die laufende Runde nach einem geglückten Lösungsversuch noch zu Ende zu spielen, sodass jeder gleich oft aktiver Spieler war. So könnt Ihr nachlegen und nicht nur deshalb verlieren, weil Ihr einen Zug weniger hattet. Das ist allerdings eine Hausregel, denn die offizielle Anleitung schweigt sich dazu auf ihren vier Seiten aus.

Nach unserer Erstpartie, die ein paar Züge später richtig von einer Mitspielerin gelöst wurde, ging es direkt in die Revanche. Und hier zeigte sich dann ein kleines Problem von Got Five. Denn wenn alle nicht auf ihre Lösung kommen, weil noch zu viele Möglichkeiten offen sind, kann so eine Partie in die Überlänge von weit über 15 Minuten gehen und dann trägt der Spannungsbogen für mich nicht mehr so recht, weil alle nur noch auf den einen entscheidenden Hinweis warten. Mit etwas Pech bei der Steinchenauswahl kann das schon mal länger dauern. Diese Bandbreite zwischen durchweg toller und potenziell lahmer Partie Richtung Spielende müsst Ihr hinnehmen können.

Das ist dann aber auch meine einzige Kritik an dem Spiel, das für mich durchaus der kleine konfrontative Bruder von Bomb Busters sein könnte. Völlig anderes Spiel, aber der Nervenkitzel ist durchaus vergleichbar und hier wie da geht es um verdeckte aber stets aufsteigende Zahlenreihen. Damit hören die Gemeinsamkeiten aber dann auch schon auf. Somit ist Got Five für mich eine einfachere und flotter gespielte Alternative, wenn wir mal nicht gemeinsam als Gruppe verlieren möchte. Bei Got Five hat es jeder von uns in der Hand, ob er gewinnt oder eben auch nicht. Warum wir in der lokalisierten Version allerdings „Hab die Fünf!“ ausrufen, während selbst die Franzosen „Got Five!“ verkünden, das bleibt wohl ein Mysterium der Übersetzer. So oder so ist Got Five für mich eine Empfehlung des Brettspieljahrgangs 2026 – ein wahrlich schöner Logik- und Deduktionsspaß.

Published — 08. Juni 2026 Brettspieltag.de

Kein gewöhnliches Alea Eurogame: Moon Colony Bloodbath

Von: ravn
08. Juni 2026 um 18:21

Alea-Spiele mit internationalem Titel sind spätestens seit The Druids of Edora keine Besonderheit mehr. Hier wurde sogar auf die Erklärspalte der Anleitung verzichtet und das zugrunde liegende Thema hätte ich eher nicht beim eher biederen Ravensberger Mutterhaus vermutet. Dahinter steht der Dominion-Erfinder, der hier ganz viel fernab sämtlicher Eurogame-Konventionen wagen kann – mit Erfolg.

Willkommen in der Mondkolonie. Genießt den schönen Ausblick auf die Erde, vergnügt Euch in traumhaften Mondstädten unter sicheren Kuppelbauten und werdet von fabelhaften Robotern umsorgt. Nur irgendetwas scheint hier nicht ganz zu stimmen, auch wenn es anfangs wie eine kommerzielle Utopie wirkt. Schön soll unsere Kolonie werden und dafür bauen wir die im Wettstreit mit unseren Mitspielern sorgsam auf. Krisensicher soll unsere Kolonie ebenso sein, dann alsbald häufen sich diverse Zwischenfälle bis zum absoluten Kollaps. Der Untergang ist nicht mehr aufzuhalten, nur noch so weit zu verzögern, bis es einen von uns zerreißt, weil eine Kolonie vollständig dezimiert wurde. Hoffentlich die eines Mitspielers, denn damit wahren wir uns die eigenen Chancen auf den Spielsieg. Denn einer verliert und läutet das Spielende ein, während der Spieler mit den meisten Mondkolonisten triumphieren darf.

Der Erfolgsautor Donald X. Vaccarino hat Moon Colony Bloodbath in Szene gesetzt und Franz Vohwinkel hat die Illustrationen und das grafische Design beigesteuert. Was sollte da schon schiefgehen? Von Verlagsseite mal so gar nichts, auch wenn der Lagerbestand knapp werden droht und das Spiel nicht mehr flächendeckend verfügbar ist. Nicht ohne Grund, denn das satirisch angehauchte Eurogame wurde zum Kennerspiel des Jahres 2026 nominiert und das erzeugt Aufmerksamkeit. Bei einigen erzeugt diese Nominierung auch ein Stirnrunzeln, denn das Thema ist für ein Kulturgut doch eher ungewöhnlich. Die Spiel des Jahres Jury begründet es hingegen so: „Ein redaktionell ausgezeichnet gearbeitetes Spiel, bei dem es keine Wartezeit gibt, weil alle gleichzeitig am Zug sind. Es birgt eine überraschende gesellschaftskritische Tiefe: Wir steuern sehenden Auges in den Abgrund und setzen ruchlos auf eigene Vorteile. Trotzdem stirbt die Hoffnung zuletzt.“

Dem stimme ich zu, wenn ich auch Kritik auf Detailebene habe, die sich in meinen zwei Mitspielpartien durchaus verfestigt hat. Wir spielen zwar zeitgleich, allerdings im Takt. Während bei den Arbeit-Aktionen durch den beiliegenden Aktionsmarker noch klar ist, ob und wer mit seiner Aktion fertig ist, kann bei Entwicklungen, Problemen, Ereignissen und Robotern so einiges aus dem Takt geraten. Denn dabei ist eben nicht klar, ob jeder schon seine Mondbevölkerung um 7 reduziert hat oder eben noch nicht, weil nicht nur Marker abgegeben werden müssen, sondern auch ein Gebäude abgerissen wird. Die einen am Tisch sind schon längst fertig und wollen flott weiterspielen und schon die nächste Karte des Stapels aufdecken, während die anderen Mitspieler noch für sich grübeln, ob zukünftig auf die Kartoffelfarm oder die Organbank verzichtet werden kann. Wie Ihr das für Euch regelt. müsst Ihr selbst finden, sei es durch einen „Daumen hoch“ oder einen Stapel-Aufdecker, der alle Spieler stets im Blick hat.

Die Markerverteilung in 1er und 5er finde ich eher unglücklich, denn seltenst bis nie müsst Ihr genau 5 Geld, Nahrung oder Bewohner abgeben und bekommt diese dazu. Stattdessen wechselt Ihr fröhlich hin und her und versucht, mit vielen Mitspielerfingern die verschütt gegangenen 1er-Marker zu finden. Mein Tipp: Macht zwei Marker-Häufchen pro Typ und trennt auch die 1er von den 5ern. So erspart Ihr Euch das teils nervige Herumgestochere nach Wechselmarkern.

Alles kein Beinbruch und auch keine wirklichen Stolpersteine für ein ansonsten vergnügliches Spiel mit ein wenig Schadenfreude, wenn es bei den Mitspielern mehr rumst und Ihr selbst mit einem blauen Auge davonkommt. So hatte ich in meiner letzten Partie in entspannter Fünferrunde und damit Vollbesetzung durch Kartenglück verursacht, die Chance ergriffen, alle meine Vorteilskarten in Folge in den gemeinsamen Nachziehkartenstapel spielen zu können. Dazu brauchte ich nur ein paar Äpfel im Vorrat und die Arbeiteraktion. Gewonnen habe ich damit doch nicht, bis zum Spielende allerdings immer recht wenig Geld, aber einen dicken Stapel von Karten auf der Hand, die ich nicht verbauen konnte.

Partien können eine scheinbare Schräglage bekommen, ein Garant für den eigenen Erfolg sind solche sich ergebenden Killer-Strategien aber keineswegs, wie selbst erlebt. Wie viel Glück steckt in dem Spiel und wie viel eigener Einfluss ist vorhanden oder werden wir doch nur amüsant gespielt? So oder so erzählt jede Partie ihre ganz eigene Geschichte per Kopfkino. Ihr müsst nur zuhören wollen. Ein wenig Faible fürs präsentierte Science-Fiction-Setting hilft dabei schon enorm.

Moon Colony Bloodbath kennt kaum Wartezeiten und ist zudem in 60 bis spätestens 90 Minuten dann auch wieder vorbei. In komprimierter Form erlebt Ihr den Aufstieg und Fall Eurer Mondkolonie. Mir sind die vielen Zufallsfaktoren dabei egal und eher ein spielerisches Mittel zur Abwechslung in den Partien. Mal läuft es eben gut, weil für einen passend und dann ist die eigene Spielweise so fragil, weil abhängig von der perfekten Kartenreihenfolge, dass es schlicht ein Risiko ist, so zu spielen. Gewiss kein Spiel für reine Eurogame-Optimierer, die alles im Griff und unter Kontrolle haben müssen. Der steigende Kontrollverlust gehört stattdessen mit zum Spielkonzept. Wer das mag, der erlebt hier eine vergnügliche Zeit. Wer nicht, für den gibt aus ausreichend Alternativen auf dem Brettspielmarkt.

So blutig das Spiel im Titel ist, so blutleer und scheinbar harmlos ist die grafische Gestaltung. Wie leicht hätte der Illustrator das Spielgeschehen mit Blutfontänen plastisch zu einem Horrorfilm werden lassen. Stattdessen wird die Gewalt, die Unfälle und der Zynismus dieser Mondkolonie erst auf den zweiten Blick und zwischen den Zeilen ersichtlich. Wer nicht genau hinschaut, kann dabei viele Details und Anspielungen übersehen und sich stattdessen wundern, wo denn bitteschön das versprochene Bad in Blut ist.

Moon Colony Bloodbath polarisiert und genau diese Ecken und Kanten des Spiels gefallen mir, sodass es für mich zur Kennerspiel-Empfehlung wird. Ein ebenso nominiertes Boss Fighters QR ist technisch spektakulärer und ein Rebirth ist sicherlich gefälliger im Spielablauf, aber Moon Colony Bloodbath sticht angenehm aus dem Spielejahrgang hervor. Solltet Ihr gespielt oder mindestens mitgespielt haben.

Published — 04. Juni 2026 Brettspieltag.de

Tumblin-Dice: Geschick trifft auf Glück im Würfelschnipp

Von: ravn
04. Juni 2026 um 15:38

Manche Geschicklichkeitsspiele haben eine Einstiegshürde, die Erstspieler klar von Experten trennt und eventuell sogar den Spielspaß verleidet. Das über 22 Jahre alte Einsteiger-Spiel von Randy Nash ist da eine willkommene Ausnahme und deshalb eine Bereicherung für alle, die an diesem Genre Gefallen finde – besonders in großer und entspannt-launiger Runde empfohlen.

Ich habe ein Faible für großformatige Holzspiele. Sei es Crokinole als wohl inzwischen bekanntester Vertreter seines Genres, aber auch solche Exoten wie Le Passe Trappe oder Le Billard Finlandais aus Frankreich. Dazu an einem kommenden Brettspieltag gerne mehr. Die analoge Brettspielkonsole Skitter war mein letzter Neuzugang, der allerdings inzwischen ein Geschwisterchen bekommen hat. Herzlich willkommen an Tumblin-Dice (Great Size) in meiner Ansammlung von Brettspielen aller Art.

Randy Nash hat dieses Einsteiger-Geschicklichkeitsspiel im Jahr 2004 erfunden und im Selbstverlag veröffentlicht. Später kamen dann diverse Varianten von Ferti und Eagle-Gryphon Games dazu, während sich auf dem asiatischen Markt weitere Anbieter mit ihren ganz eigenen Designs tummeln. Im haptischen Kern besteht Tumblin-Dice aus einer treppenartigen Struktur, bei der wir von einem nochmals erhöhten Startrampe einen W6-Würfel so ins Spiel bringen, dass der am möglichst weit unten ankommt, ohne vom Spielbrett zu fallen. Die letzte Treppenstufe hat zudem Aussparungen und zusätzliche Holzstifte, um den Würfel aufzuhalten oder abzulenken. Genau dort wollen wir landen, denn die Augenzahl unseres Würfels wird dort mit der Maximalzahl von 4 multipliziert.

Im Idealfall kann uns unser farbiger Würfel 6×4 und damit 24 Punkte einbringen. So spielen wir zunächst reihum und versuchen ebenso, uns selbst in eine bessere Position zu bringen und die lieben Mitspieler-Würfel vom Brett zu stoßen. Wer die meisten Punkte bisher erreicht hat, der muss die nächste Runde anfangen, sodass wir eine ab dann wechselnde Spielreihenfolge je nach Punktestand haben. Denn wer später dran ist, der hat weitaus größere Chancen, dass seine Würfel in gewünschter Endposition liegen bleiben. Denn abgerechnet wird erst zum Rundenende, wobei sämtliche auf dem Spielbrett verbliebenden Würfel mit ihrem aktuellen Multiplikator aufsummiert werden.

Ein wichtiges Regeldetail, denn so muss sich niemand merken, wer jetzt welchen Würfel neu ins Spiel gebracht hat. Einfach am Rundenende durchzählen, in dem das komplette Spielbrett ausgewertet wird. Wer nach vier Runden dann die meisten Punkte hat, der hat gewonnen. So einfach ist Tumblin-Dice und genauso so einfach will es auch sein. In wenigen Sekunden erklärt und direkt losgespielt. Genau deshalb ist es seit nunmehr 22 Jahren in seinem Genre der großformatigen Geschicklichkeitsspiele so beliebt.

Doch Halt, wie genau darf ein Würfel ins Spiel gebracht werden? Egal bis fast egal, denn das Regelwerk scheint hier für mich eher vage zu sein. Man darf einen Würfel werfen, rollen oder von der Startrampe hin zu den Punktezonen schnalzen und grundsätzlich muss der Würfel zuerst die Startrampe berühren. Die englischsprachige Originalregel ist da eindeutiger mit „slides, rolls, or flicks one die off the landing disc“. Also nur aus der Hand werfen, sofern die Startrampe als erster Punkt auf dem Spielbrett berührt wird oder dort liegend durch irgendeine geschickte Bewegung dem Würfel einen gezielten Impuls verschaffen, sodass der nicht nur am Wunschort liegen bleibt, sondern auch möglichst mit einer hohen Augenzahl.

Also doch nur ein Glücksspiel? Könnte an meinen, aber die Spieleschachtel verspricht immerhin 50% Taktik, 50% Skill und 100% Fun. Allerdings listet Boardgamegeek keinen einzigen Forenbeitrag unter „Strategy“ auf. Diverse Spielberichte beschreiben allerdings unterschiedliche Schnipp-, Roll- und Schusstechniken in Einbeziehung der Holzstifte für gezielte Abpraller. Auf YouTube könnt Ihr diverse „Technique de Lancer“ anschauen und der „Tumblin‘ Dice Championship of the World“ von Tom Vasel beiwohnen. Aber eigentlich ist Tumblin-Dice ein Spiel, das einfach gespielt werden will, aus Freude am Spiel selbst. Alles Weitere ergibt sich dann von selbst je nach Ehrgeiz und taktischer Eigenerwartung.

Aus dem Ferti-Video habe ich allerdings einen guten Tipp mitgenommen: Stellt Euer Tumblin-Dice in ein Crokinole Board, so habt Ihr eine Begrenzung für herunterfallende Würfel, die ansonsten gerne durchs Zimmer und unter die Couch rollen. Ebenso könnt Ihr mit einem Ikea-Drehteller bequem in eigener Sitzposition spielen und die Startrampe zu Euch drehen anstatt fest aufgebaut, reihum um den Tisch zu wandern. Jeder so, wie er es mag.

Noch ein paar abschließende Worte zur Verarbeitungsqualität und der besonderen Herausforderung im Brettspiel-Alltag mit großformatigen Holzspielen: Meine Version von Ferti ist die vierte Auflage, die zyklisch optimiert wurde. Ihr bekommt aktuell für rund 110 Euro ein Spiel in der grösstmöglichen Version, was früher mal nur halb so teuer war. Die Holzpreise sind seitdem arg gestiegen. Die Verarbeitung aus verleimten Schichtholz ist gut und hat eine lackierte Oberfläche. Alles passt und Ihr braucht auch nur vor der allerersten Partie die Holzstifte in ihre vorgesehenen Löcher drücken. Danach bleiben die dort und durch die voluminösen Schaustoffpolster wird alles fest und sicher wieder in die Spieleverpackung verstaut.

Den Stoffbeutel für die Würfel hat Ferti sich allerdings inzwischen weg gespart. Ich empfehle hier für eigenen beliebigen Ersatz zu sorgen. Und auch wenn die Verpackung von 2 bis 6 Spielern spricht, liegt nur Spielmaterial für 4 Spieler bei. Die Extrawürfel könnt Ihr von Ferti oder Drittherstellern nachkaufen, wobei Ihr dabei nicht auf nur 6 Mitspieler begrenzt seid. Je mehr mitspielen, desto turbulenter und chaotisch-lustiger wird es.

Tumblin-Dice ist und bleibt allerdings ein Spiel aus Holz und damit ein wenn auch verarbeitetes Naturprodukt. Das kann durchaus Macken bekommen und sich bei ungünstiger Lagerung verziehen. Kennt Ihr alles von anderen Brettspielen aus Pappe ebenso und ist hier keine Ausnahme. Zudem erwartet kein Präzisionswerkzeug, denn das hier ist nur ein Spiel, das spielerischen Ansprüchen genügen und keine absolute Perfektion bieten soll. Das sollte Euch vor dem Kauf bewusst sein, damit Ihr mit keiner falschen Erwartungshaltung ins Spiel startet.

Wie bei vielen großformatigen Holzspielen, bei denen Materialien durch Spielerhand ganz gewusst aufeinander treffen und auf Kollisionskurs sind, ist auch Tumblin-Dice kein geräuschloses Vergnügen. Es erzeugt schon eine gewisse Lautstärke, wenn die Plastikwürfel die Treppenstufen und bis auf den Fußboden herunter purzeln. Je energischer gespielt wird, was auch einen Teil der Spielfreude ausmacht, desto lauter wird es. Von dem Gejohle über besonders gelungene oder missglückte Schüsse gar nicht mal zu reden. Ich habe mal, hier allerdings ohne eigenes Gejohle, das Klack-Klack von Tumblin-Dice aus Spielerperspektive aufgenommen – reingelauscht und dann wisst Ihr, dass Ihr Euch damit wohl eher nicht direkt neben eine im Eurogame vertiefte Denkergruppe am Nebentisch platzieren solltet.

Bleibt der eigentliche Elefant im Raum und das ist die Transportfähigkeit. Mit 46x56x11 cm von der Spieleschachtel und nachgewogene 3,4 Kg ist Tumblin-Dice nichts, was ich mal ebenso auf Verdacht zu Spieletreffs zu mitschleppen möchte. Da braucht es schon eine Ikea-Taschengröße, weil der Spielekarton selbst keinen Tragegriff hat. Ihr solltet Euch also vorab fragen, ob Ihr ausreichend Mitspieler für Tumblin-Dice bei Euch versammeln könnt. Besonders wenn Ihr die drehbare Variante mit Crokinole Board und Drehteller nutzen wollt. Die funktioniert gut und hält etliche Würfel davon ab, vom Tisch zu rollen. Ich empfehle allerdings eine Stoffabdeckung für Eure Crokinole-Spielfläche, damit Ihr nicht jedes Mal zusammenzuckt, wenn ein kantiger Plastikwürfel dort mit Wucht auftitscht Perfektionisten bauen sich stattdessen eine eigene Holz-Unterlage mit dann auch noch höherer Begrenzung. Oder Ihr erfreut Euch einfach an ein wenig Bewegung am Spieltisch – kann ja auch mal nicht schaden.

Auch Tumblin-Dice zählt zu den großformatigen Holzspielen, die sich in der Anschaffung nur lohnen, wenn es auch dauerhaft und regelmäßig bespielt wird. Wer da Zweifel hat, sollte lieber vorab irgendwo mitspielen. Ferti & Co ist auf etlichen Messen wie der SPIEL in Essen vertreten. Weil am Spieleregal gelehnt und vergessen, während die nächste Spielsession auf irgendwann mal wieder vertagt wird, macht auch bei dieser Anschaffung keinen Sinn, sofern Ihr Spieler und nicht in erster Linie Sammler seid. Was dann mindestens so traurig wäre wie originalverpackte Actionfiguren in ihren Blisterverpackung zu belassen. Tumblin-Dice will bespielt werden und jede Gebrauchsspur am Spiel oder Spielekarton ist nur ein Zeugnis davon, was Ihr damit alles an Spielerlebnissen gehabt habt.

Published — 03. Juni 2026 Brettspieltag.de

Kreaturen Karawane: Gleichzeitig per Würfel durch Arzium

Von: ravn
03. Juni 2026 um 01:35

Ein wahres Wohlfühlspiel. Wir sitzen gemeinsam mit bis zu vier Spielern an einem Spieltisch, aber jeder spielt für sich alleine. Zeitgleich ist es ein Wettlauf, möglichst zwölf in Zusammenspiel mächtige Kreaturen auszuspielen, um nach zwölf Tagesreisen die ferne Stadt Asteern zu erreichen. Meine Anspielsession auf dem SpieleWahnsinn 2026 in Herne hat mich so überzeugt, dass nun die eigene Auspacksession folgt.

Wir sind Flüchtende auf dem Weg in die sichere aber bis zu zwölf Tagesetappen entfernte Stadt Asteern im Land Arzium. Wer die Brettspiele von Ryan Laukat kennt, dem wird der Name bekannt vorkommen. Oben und Unten war dort angesiedelt und hat mich vor zehn Jahren mit der ungewöhnlichen Mischung aus Eurogame-Gebäudebau und Amitrash-Begegnungen fasziniert. Es folgten Nah und Fern und leicht verspätet für 2026 ist Jetzt oder Nie in der lokalisierten Version beim Schwerkraft Verlag angekündigt. Der Autor und Illustrator in Doppelfunktion hat eine Vorliebe für Gegensätze und Spielkonzepte, die neue Wege gehen.

Kreaturen Karawane bildet für mich keine Ausnahme, denn auch dieses Spiel wird sicher polarisieren, weil es Wege wagt, die andere Autoren scheuen. Denn hier spielen wir mit bis zu vier Spielern gleichzeitig und fast unabhängig und unbeeinflusst unsere Aktionen. Wer mehr Gesellschaft mag, der muss zur Erweiterung greifen, die neben einer neuen Kartensorte auch Spieler fünf und sechs an den Spieltisch holt. Zwar gibt es maximal zwölf vorgegebene Spielrunden, bis schließlich alle mit ihrer Holz-Karawane ein Zelt in der Stadt Asteern aufgeschlagen haben, was uns den Spieltakt vorgibt. Aber innerhalb einer dieser Spielrunden sind wir parallel am Zug. Das minimiert die Wartezeiten, sorgt allerdings auch dafür, dass Ihr mal wenig bis keine Ahnung habt, was Eure lieben Mitspieler so im Detail machen.

Interaktiv ist eher Mangelware, sofern Ihr nicht mit der optionalen Handelsregel spielt, bei der Ihr untereinander Handkarten gegen Nahrung tauschen könnt, dabei allerdings nur Name und Typ der zu handelnden Karte erfragen oder anbieten dürft. Das soll den Handel beschleunigen und elegant reduziert halten. Zwar gibt es mit dem Kampf gegen Glutzombies und einem gemeinsamen Markt das Element der konkurrierenden Einsetzmöglichkeiten, die nach einer Spielerinteraktion innerhalb von zwei Spielrunden schließen, aber fernab davon kommt Ihr Euch sonst nicht ins Gehege. Ihr schnappt Euch nichts weg, Ihr steht Euch nicht im Weg, Ihr könnt ganz entspannt Euer Spielgeschehen erleben und genießen.

Kreaturen Karawane ist durchaus ein Wohlfühlspiel, bei dem Ihr Euch von den 135 einzigartig illustrierten und handgezeichneten Kreaturenkarten überraschen lassen könnt, die Euch auf Eurer Reise als Kartenauslage begleiten können. Allerdings nur solche, die Ihr auch auf die Hand bekommt und dann auch als eine von maximal zwölf Karten ausspielen und fortan nutzen könnt. Ebenso könnt Ihr knallhart Eure Aktionen optimieren, Synergie-Effekte Eurer Auslage und Spielweise auf dem zentralen Spielbrett der modular aufgebauten Wegstrecke nutzen und Euch eine ausgeklügelte Maschinerie von Möglichkeiten aufbauen. Ganz so, wie Ihr wollt und wie Ihr das Spiel angehen möchtet.

Genau diese Flexibilität hat mich in meiner Anspielsession auf dem SpieleWahnsinn 2026 in Herne am Stand vom Schwerkraft Verlag begeistert. Leider war das Spiel samt Erweiterung am Veranstaltungssonntag schon ausverkauft und hat mir damit die Entscheidung abgenommen, es kaufen zu wollen. War dann ein privates Geburtstagsgeschenk im Freundeskreis, um meine Spielesammlung zu bereichern. Mal sehen, ob ich mir die Erweiterung Wanderer noch dazukaufe. Die gibt es aktuell nur direkt vom Verlag mit Versandkosten und noch nicht im freien Handel beim Brettspielhändler im Nachbarort.

Im spielmechanischen Kern bilden Eure fünf W6-Würfel den Motor des Geschehens. Jeder würfelt für sich und hat nun zeitgleich die Aufgabe und Herausforderung zugleich, das Bestmögliche daraus im aktuellen Zug zu machen. Entweder setzen wir die Würfel auf die Standardfelder unserer Spielerablage ein und lösen dort den aufgedruckten Effekt aus oder wir haben schon Handkarten ausgespielt, die uns neue Einsetzfelder für unsere Würfel bieten oder sogar Extrawürfel und mehr Ressourcen. Ganz genau, denn jede Handkarte will bezahlt werden und das in Form von Brot, Gold oder auch Taschen. Je stärker der Karteneffekt, desto teurer die Karte. Da wir Handkarten auch für Brot und Gold abwerfen können, werden wir uns so oder so von etlichen Karten trennen müssen, ohne dass diese ihre Wirkung in dieser Partie entfalten werden. Damit ist der Wiederspielwert gegeben und der Zufall darf auch ein wenig mitspielen.

So reisen wir über die Landschaft mit seinen Ebenen, Canyons, Seen und Berge, um gezielt Türme für einen extra Kartennachschub, Früchte für das Freischalten von mächtigen Karteneffekten, Schätze für Überraschungsplättchen oder auch gezielt Bedrohungsfelder für die Begegnung mit einem weiteren Glutzombie anzustreben. Letztere bringen Minuspunkte am Spielende, aber wenn vorab im Kampf besiegt, gute Siegpunkte ein – sofern Ihr denn ausreichend kampfstark seid. Die spielerischen Möglichkeiten gibt es viele und genau dieser zweite Aspekt hat mir ebenso gut an Kreaturen Karawane gefallen.

Solltet Ihr hingegen die direkte und ständige Konfrontation mit Euren Mitspielern suchen, dann seid Ihr bei Arcs oder auch Wroth besser aufgehoben. Stattdessen plant und werkelt jeder für sich und das Ergebnis seht Ihr dann, wie weit jemand übers zentrale Spielbrett der Stadt Asteern entgegen huscht. Oder eben auch an den tollen Sondereffekten der Mitspieler-Auslagen, die Euch ein wenig neidisch werden lassen. Ihr habt zwar Gesellschaft am Spieletisch, aber hier keine, die nur als nerviger Störfaktor mitspielt.

Genau deshalb entfaltet Kreaturen Karawane ein angenehm entspanntes Spielgefühl. Und für die direkte Interaktion könnt Ihr den bewusst eingeschränkten Karten-Nahrungshandel optional in Eure Partie einbauen. Nach überschaubaren 60 bis 90 Minuten rechnet Ihr am Ende per Wertungsblock Eure Punkte in diversen Kategorien von zurückgelegter Entfernung bis Schatzplättchen ab. Wenn Ihr Euch dann über den erlebten Weg mindestens genauso wie über Eure Siegpunkte freuen könnt, dann wisst Ihr, dass Ihr für Euch das passende Wohlfühlspiel gefunden habt. Ach ja, einen Solo-Modus mit Bot-Gegner gibt es ebenso, aber dazu kann ich mal so gar nichts sagen.

Published — 29. Mai 2026 Brettspieltag.de

Chartbreak: Kreativität ist hier leider doch nicht gefragt

Von: ravn
29. Mai 2026 um 23:52

Manche Spiele tragen einen erklärenden Zusatz im Titel, der Erwartungen weckt. Unter einem Musikquiz, bei dem wir selbst die Fragen stellen, hatte ich mir allerdings ein wenig mehr versprochen. Mehr als nur von einer vorgegebenen Karte genau diese Fragen vorzulesen und einem Mitspieler zu stellen. Angespielt haben wir es auf der Spiel DOCH! 2026 in Dortmund trotzdem.

Erwartungen sind halt so eine Sache. Wirklich kreativ war an dem interaktiven Musikquiz vom Frechverlag, der uns mit Krakel-Orakel schon eine Menge vergnüglich-gesellige Spielrunden beschert hat, dann leider nichts. So direkt muss ich es hier ansprechen. Im Fahrwasser von Hitstar lässt sich das eigene Musikspiel halt gut platzieren. Allerdings geht es hier bei Chartbreak weniger um eine zeitliche Zuordnung als vielmehr um ein traditionelles Quiz. So sollen wir Songs erkennen, Bandmitglieder zuordnen und Songtexte zitieren. Dabei bestimmt der reihum wechselnde Quizmaster, wer diese Frage am ehesten richtig beantworten kann. Aber mehr dazu direkt im O-Ton der Spieleerklärung direkt von der Spiel DOCH! 2026 in Dortmund – reingelauscht:

In Summe liegen 150 Fragenkarten bei, wobei Ihr zwingend ein Smartgerät mit Internetzugang dabei haben solltet, denn einige Fragen nutzen Spotify, um die Titel per QR-Code abzuspielen. Kennt Ihr ja vom großen Vorbild Hitstar. Uns hat die Anspiel-Session durchaus Spaß gemacht, wobei die Fragen quer durch alle Musikrichtungen teilweise schon Expertenwissen bedient haben. Aber dafür könnt Ihr halt den Mitspieler wählen, der sich hoffentlich bestens in K-Pop oder Klassiker aus den 70er-Jahren auskennt. Für einen geselligen Abend unter Musikinteressierte, die zwischen Hitstar ein wenig Pause und nicht zu genrefremde Abwechslung brauchen, könnte Chartbreak durchaus eine vorsichtige Empfehlung sein. Der routinierte Autor Günter Burkhardt, mit weit über 100 Veröffentlichungen, ist dafür verantwortlich, der schon etliche Quizspiele umgesetzt hat. Wisst Ihr noch, wo Ihr Minden finden könnt?

Published — 28. Mai 2026 Brettspieltag.de

The Druids of Edora: Eurogame-Liebe erst im zweiten Anlauf

Von: ravn
28. Mai 2026 um 00:31

Es gibt so manche Spiele, die in einer Erstpartie mal so gar nicht zünden. Als langweilig und spannungsarm abgestempelt und mit vielen Fragezeichen auf meiner Stirn, weil Autor und betreuender Redakteur zu den ganz Großen in der Branche gehören. Zudem bei einem Verlag veröffentlicht, der den Qualitätsbegriff für Kennerspiele neu definiert hat in der Vergangenheit. Inzwischen weiß ich für mich, dass ich mich im Ersteindruck mächtig geirrt habe, obwohl wir alles richtig gespielt hatten.

Machen wir uns nichts vor, der Ruhm der Kennerspielmarke des Ravensburger Spieleverlags für anspruchsvolle Strategiespiele ist derweil verblichen und zehrt aus der nostalgisch verklärten Erinnerung. Im Jahr 1999 ging es mit RA und Chinatown los und spätestens mit Puerto Rico und Die Burgen von Burgund wurden zwei zeitlose Klassiker geboren. Alea stand für spielmechanische Qualität und ein Regelwerk, das nicht nur keine Fragen offen ließ, sondern auch die Randspalte mit der eingebauten Kurzregel in die Brettspielwelt einführte. Eine Randspalte gibt es bei The Druids of Edora weiterhin, sofern mich meine Erinnerung nicht trügt, denn online bei Ravensburger ist die Anleitung nicht hinterlegt. Ein Unboxing-Video hat mir schließlich Gewissheit gegeben.

Was allerdings bei The Druids of Edora fehlt, ist das Vertrauen in den deutschsprachigen Markt. Die einzig verfügbare Auflage liegt in sechs Sprachen in einer Spieleschachtel vor. Das sind dann auch sechs entsprechend sprachige eigene Anleitungen und ein Beiheft, das hingegen alle Sprachen bündelt. Reicht mir meine Landessprache aus, habe ich eine ganze Menge an Papiermüll und ein unnötig dickes Beiheft, von dem ich eigentlich nur die erste Seite benötige. Deswegen muss das Spielmaterial auch sprachneutral sein und sich über Icons verständigen, die wir mit Anleitung und Beiheft auswendig lernen und in den ersten Partien dauernd nachschlagen müssen. Ich kann Euch deshalb nur empfehlen, eine der Kurzübersichten aus Spielerhand für jeden Mitspieler auszudrucken, um Euch das Herumreichen und Blättern zu ersparen. Alea-Qualität hatte ich anders in Erinnerung. Auch das hat mir meine Erstpartie verleidet.

Viel Kritik und doch soll es Eurogame-Liebe sein? Wie passt das zusammen? Ganz einfach, denn fernab einer Zweierpartie spielte sich The Druids of Edora angenehm interaktiv, weil so viel mehr auf dem Spielbrett los war. Zwar wird das Brett modular je nach Spielerzahl angepasst, aber im direkten Duell zu Zweit entpuppte sich das als ein freudloses Nebeneinander-Vorbei-Spielen. Dabei lebt der Spannungsbogen von dem Druck, dass die Mitspieler einem Dolmenwertungen und Kultplätze vor der Nase wegschnappen. So in meinen Folgepartien zu viert und danach zu dritt erlebt. Dabei haben wir ganz bewusst auf alle Regelvarianten verzichtet. Das anfängliche Würfelglück entscheidet, welche taktischen Wege es sich lohnt, einzuschlagen. Wer kaum bis wenig hohe Augenzahlen zur Verfügung hat, der wird einen Wettstreit um Kultplätze kaum gewinnen und auch in der Endwertung dort wenig mitzureden haben. Dafür braucht es weitaus weniger Aktionen, um Proviant zu besorgen, und auf der Wissensleiste per Aktionen voranzuschreiten ist auch nicht nötig. Der Fokus kann also gut und gerne auf all die Aktionen liegen, die unabhängig von den Augenzahlen sind.

Das ist auch die Besonderheit von The Druids of Edora, die für mich den eigentlichen Spielreiz im Sammelbecken der Punktesalat-Spiele ausmacht. Vor dem ersten Spielzug gilt es zu analysieren, was diesmal mit den Voraussetzungen des modularen Spielplans mit seinen eventuell verschlungenen oder gradlinigen Wegen möglich ist, wo sich Dolmen gut oder auch weniger gut verbinden lassen und wie die Auslage der eigenen Heilkräuter dabei helfen können. In einer Erstpartie kann das kaum jemand überblicken, weshalb ich Euch mindestens eine zweite Chance empfehle, denn mit dem Wissen, was alles möglich ist und was eben auch nicht, spielt sich The Druids of Edora ganz anders.

Allerdings ist die Herbstveröffentlichung 2025 vom Autor Stefan Feld auch ein Kennerspiel, das keine Spielfehler verzeiht und gnadenlos mit denjenigen ist, die im Proviantverbrauch falsch planen oder sich von den Mitspielern überraschen lassen, weil der sicher geglaubte Kultplatz zum Nachschub tanken plötzlich besetzt ist. Dann heißt es, zwangsweise eine Notaktion auszuführen, die einem im Spiel hält, aber einen erheblichen Tempoverlust bedeutet. Ich weiß, wovon ich schreibe.

Großspurig mit vielen hohen Augenzahlen als letzter Spieler in der Reihenfolge ins Spiel gestartet und ich wollte mal eben, mit wenigen Zügen zwei Dolmenpaare miteinander verbinden und auf dem Weg ein paar Feuerstellen für mich zu erzünden. Hätte auch alles geklappt, wenn ich mich nicht um ein Proviant in meiner Aktionskette verrechnet hätte. Als Aktion der Druiden-Schande hingenommen und am Ende reichte es doch mit Abstand zum Spielsieg. Ich hatte mich vollkommen auf meine hohen Würfel fokussiert, deshalb frühzeitig per Zauber mir das Heilkraut mit Proviantvorteil freigeschaltet und ansonsten meine Wissensleiste auf den maximal möglichen Multiplikator hochgetrieben. Für eigene Menhire und Stelen blieb da kaum Zeit. In der Schlusswertung der Kultplätze konnte ich so in Summe 17 Würfel, Stelen und Menhire erreichen, was mit 4 multipliziert mal eben 68 Punkte ergab. Dazu drei erfüllte Aufträge und 20 Punkte für die dreifach belegte linke Amuletthälfte. Zudem zog ich im Laufe der Partie über diverse Feuerstellen-Punkte fleißig voran. Da passte vieles einfach zusammen.

Im Rückblick habe ich Stefan Feld typisch nur ein Bruchteil der möglichen Aktionen durchgeführt. Für meine nächste mitgespielte Partie wird es sicher ganz anders laufen, weil die Voraussetzungen ganz anders sein werden. Auch genau das macht inzwischen für mich den Widerspielreiz von The Druids of Edora aus. Gerne wieder, auch weil es sich angenehm flott spielen lässt, ich meine Mitspieler im Blick haben sollte, aber vor allem meinen Fokus nicht aus den Augen verlieren sollte und sich das alles zu einem tollen Spannungsbogen formt. Leider steht sich The Druids of Edora redaktionell und von der Ausstattung selbst im Wege, besonders in der Erstpartie mit zu geringer Spieleranzahl. Wer sich trotzdem durchbeißen mag, erlebt eventuell auch so eine positive Überraschung wie ich selbst. Deshalb mein Tipp: Gebt The Druids of Edora nicht zu früh auf.

Published — 24. Mai 2026 Brettspieltag.de

Tabula: Spielen zu Zeiten des römischen Kaisers Claudius

Von: ravn
24. Mai 2026 um 18:41

Komm mir nicht mit diesen alten Schinken an. In Zeiten, in denen selbst die Neuheit vom letzten Spielejahrgang schon alter und geschmolzener Schnee von vorgestern ist, springen wir mal eben 1976 Jahre zurück. Schon damals hat sich so mancher seine freie Zeit mit einem entspannten Brettspiel vergnüglicher gemacht.

Auf dem SpieleWahnsinn 2026 in Herne waren wir eigentlich auf dem Weg zur Spieleausleihe. So recht konnten wir uns auf nichts einigen und so richtig wollte auch keiner von uns sich ein unbekanntes Spiel selbst erarbeiten. Schließlich war es schon Sonntagnachmittag und der Kopf entsprechend leer gespielt. Unerwartet sprach uns jemand vom Nachbartisch ein, den ich zunächst abwies, dass wir eigentlich keine Prototypen spielen wollten. Weil das, was dort aufgebaut war, sah sehr nach frühem Prototypenstadium aus – eine ausgedruckte abstrakte Spielmatte mit einem Hintergrundfoto einer Burgruine, ein paar W6-Würfel und farbige Spielsteine. Ansprechende Tischpräsenz ist etwas anderes.

Wie uns Bernd Lehnhoff erklärte, war das aber keineswegs ein Prototyp, sondern sicher eines der ältesten Spiele des SpieleWahnsinns. Die Neugier war geweckt und schon saßen wir in entspannter Viererrunde mitsamt unserem Erklärer am Tisch und lauschten, worum es denn hier ging – aber hört einfach selbst per Audio-Mitschnitt:

Zum SpieleWahnsinn hatte der Archäologe Bernd Lehnhoff vom Institut für Archäologische Wissenschaften der Universität Bochum eine besondere Vierspieler-Variante von Tabula aus dem 13. Jahrhundert mitgebracht. Dreizehn weitere Spielarten mitsamt dem historischen Hintergrund hat er zusammengetragen und veröffentlicht. Einige davon reichen zurück bis zu Zeiten des römischen Kaisers Claudius und sind demnach weit über 1970 Jahre alt. Anhand von zeitgenössischer Schriften und Illustrationen rekonstruiert Bernd Lehnhoff den Spielverlauf, aber nennt ebenso, was er bisher noch nicht weiß. Er ist eben kein Autor, der sich einfach was dazudenkt, sondern Wissenschaftler.

Published — 19. Mai 2026 Brettspieltag.de

Dindex: Kläglich an der eigenen Regelerklärung gescheitert

Von: ravn
19. Mai 2026 um 17:47

Selbst Schuld und deshalb auch nur einen geringen Vorwurf an das kartengetriebene Politikspiel rund um unsere Demokratie, dem Geschacher um die Macht und ausgehandelte Ministerposter, während Oligarchen ihre ganz eigenen Ziele verfolgen. Die hiermit niedergeschriebene Historie meiner Erstpartie, bei der mal so alles schief lief.

Manche Geschichten kann ich mir einfach nur ausdenken, denn die schreiben das erlebte Leben eines Brettspielers viel eindrucksvoller. Aber so eindrucksvoll selbstverschuldet eine Neuheit in den eigenen Brettspielreihen einzuführen, nur um die Erklärung mitsamt viel zu kurzer Erstpartie an die Wand zu fahren, das war schon ein Erlebnis für sich. Eines, das ich am liebsten ganz schnell vergessen und aus den Köpfen meiner Mitspieler streichen möchte. Eben bevor sich der falsche Eindruck verfestigt, dass Dindex mal so gar nichts taugt. Denn das wäre hart ungerecht dem Spiel und dem Autor Lars-Michael Stock gegenüber.

Dabei habe ich in meiner Brettspieler-Historie mindestens eine dreistellige Zahl an Neuheiten erklärt und kenne damit auch die Hürden einer allerersten eigenen Erklärung. Die ist meist etwas ausufernd bis sprunghaft holprig, weil ich selbst noch nicht weiß, auf welche zu vermittelnden Details ich den Fokus legen sollte. Wenn dann die Spielanleitung nicht gerade von einer erfahrenen Redaktion, sondern von einem enthusiastischen Eigenverlags-Autor erstellt wurde und eher vor Herzblut anstatt von Übersichtlichkeit tropft, tja, dann sollte ich aus Erfahrung eigentlich besser vorbereitet sein. Zu meiner Verteidigung könnte ich anbringen, dass ich Dindex eher spontan vorgeschlagen und in letzter Minute selbst zum Spieletreff eingepackt habe.

Ebenso könnte ich als zu einfache Ausrede anführen, dass ich nicht der Einzige war, der das Spiel erstmalig dabei hatte. Eventuell hätte ich es mir lieber selbst nochmal nach meiner Demopartie auf der Spiel DOCH! 2026 in Dortmund erklären lassen sollen. Einfach mal zurücklehnen und nicht in Selbstüberschätzung meinen, dass ich Dindex mal eben so, aus dem Ärmel geschüttelt, erklären kann. Dabei bin ich schon am Aufbau gescheitert, denn ich hatte schlicht verpennt, die ganzen Kartenstapel vorab mal ordentlich durchzumischen. Die waren nur oberflächlich unterschiedlich, wie ich die im Selbststudium zu Hause mal exemplarisch angeschaut hatte. Deshalb fiel es mir selbst nicht auf, dass die Aktionskarten fast komplett nach dem Demokratie-Index sortiert waren. Ebenso wie der obere Teil der Regierungsaufgaben, die arg einseitig waren.

In meiner zugelosten Rolle des oligarchischen Gegenspielers unserer Viererrunde mit zwei Spielern am Tisch, die bisher noch keinen Kontakt mit Dindex hatten und zwischen schulterzuckend und interessiert schwankten, hatte ich somit zu leichtes Spiel. Eben weil ich überwiegend passende Aktionskarten auf die Hand bekommen habe, während meine demokratischen Mitspieler kaum sinnvoll ihre Karten spielen konnten und deshalb vorwiegend in der Kernphase des Spiels diese tauschen mussten. Da wir zur Einführung nur ein kurzes Spiel angehen wollten, starteten wir schon im Extremismus, was mir in meiner Rolle zugutekam. Zudem bekam ich auch zufällig den weiteren Wähler zugelost, um ein bewusstes Ungleichgewicht zu Spielstart und damit die stärkste Partei an Wählerstimmen zu besitzen und in Folge mit der ersten Regierungsbildung beauftragt zu sein.

Blöd, dass ich dabei direkt zwei Details in der in Textblöcken strukturierten Anleitung übersah. So hatte ich vergessen, uns jeweils drei Stammwähler auszuteilen und die Anzahl der eigenen Handkarten richtete sich eben nicht nach den Dreiergruppen von Wählern, sondern nach den Stammwählern. So hatte ich eine Aktionskarte mehr auf der Hand, was aber fast schon egal war, da im ungemischten Aktionskartenstapel sowieso fast nur antidemokratische Karten oben lagen und ich der Einzige der Runde war, der überhaupt eine echte Motivation hatte, diese ausspielen zu wollen.

Für meine erste Koalition gab es mit zwei Mitspielern keine Überschneidung unserer Kernkompetenzen. Somit hatte ich zwei potenzielle Koalitionspartner zur Auswahl und konnte die Ämterverteilung entspannt zu meinen Gunsten entscheiden. Das Kanzleramt gehörte sowieso mir, die zwei passenden Ministerien ebenso, während ich, fast schon gönnerhaft gespielt, zwei Ministerien zum Koalitionspartner abgab. Damit wir zum Schein potenzielle Krisen möglichst gut bewältigen können. Das übrig gebliebene Ressort nahm ich dann zu mir, als mein ausgerufenes Recht als stärkste Partei.

Und spätestens hier hätte mir klar sein sollen, dass ich meinen Mitspieler die grundsätzlichen Spielmechaniken in ihren Auswirkungen und Bedeutungen noch gar nicht erklärt hatte. Schlechte Voraussetzungen für ein erstes Spiel, das durch eigene Erklärfehler im Aufbau und die windschiefe Kartenverteilung schon zu dieser Zeit noch für mich unwissend blöd gestartet war. Eine mehr als nur krumme und planlose Partie sollte die Folge sein und so kam es dann auch. Ich selbst konnte mit meiner passenden Kartenhand etliches bewirken, was vor allem zum eigenen Vorteil war. Meine Mitspieler machten fast gar nichts, außer darauf zu hoffen, endlich mal für sie bessere Karten zu tauschen. Zu sehr von meinen eigenen Plänen des Machtmissbrauchs berauscht, merkte ich gar nicht, dass die einzig gespielte Legislaturperiode viel zu einseitig war und ich selbst von meinem zu schnellen und vorzeitigen Spielsieg durch Sturz in die Oligarchie geblendet wurde. Klar, dass Dindex damit durchfallen musste, und ich muss mir die Schuld dafür geben.

Aus Fehlern möchte ich hingegen lernen und Euch ebenso ein paar Ratschläge an die Hand geben, was Ihr selbst in Eurer ersten Dindex-Partie beachten solltet:

  1. Erklärt das Spiel bitte nicht nach der Spielanleitung. Denn die ist mit 30 Seiten viel zu lang und bringt das eigentlich recht einfache Spielkonzept nur sehr ausufernd in zu große Textblöcken ins eigene Verständnis. Zum Nachschlagen von Regeldetails auch nicht wirklich geeignet, weil trotz farbiger Hervorhebungen die Textmengen zu unübersichtlich sind, um schnell überblickt zu werden. Entwickelt stattdessen in einer vorab für Euch simulierten Partie ein Gefühl für den Spielaufbau, den Spielablauf und was die eigentlichen Kernmechanismen sind.
  2. Die doppelseitige und nur einmalig beiliegende Kurzanleitung hilft Euch leider nur beim Spielaufbau, sofern Ihr die Schritt-für-Schritt wirklich befolgt. Dabei ebenso geschwätzig wie die Spielanleitung, wobei ich kurze und präzise Stichworte hier wie auch dort bevorzugen würde. Die Symbolsprache fehlt hier völlig, was das alles zur Textwüste werden lässt.
  3. Im Ablauf der Legislaturperioden auf der Rückseite der Kurzanleitung kommen die Regierungsaufgaben zu kurz. Dort wird nur grob von Aufgaben geschrieben, ohne klarzumachen, was der Unterschied zwischen Krisen und Probleme ist und welche Auswirkungen später ungelöste Krisen und Probleme haben. Mit einem „entfalten nun ihre Wirkung“ Wortlaut war mir das zu kurz als Erinnerungsstütze abgehandelt.
  4. Die Symbolübersicht ist nur einmal auf der Rückseite der Spielanleitung gedruckt. Dabei ist besonders für Erstspieler essenziell wichtig zu wissen, was die anfangs verwirrenden Schafe in Weiß und Braun und teils durchgestrichen bedeuten. Weil es nicht nur auf das Symbol an sich ankommt, sondern auch, wo diese Karten liegen – in der Spielmitte oder in der Spielerauslage.

Für die Punkte 2 bis 4 kann ich eigentlich nur empfehlen, auf eine alternative Kurzübersicht zurückzugreifen, die jedem Spieler zur Verfügung steht. Die beiliegenden vier Kurzübersichten sind schlicht nur eine Spielphasen-Übersicht ohne jegliche Erklärung, was dort passiert. Um den Hürden des Spieleinstiegs zu minimieren, sollte so eine alternative Kurzübersicht die wichtigsten Symbole beschreiben, den Rundenablauf und was dort in den einzelnen Spielphasen passiert. Das alles in stichpunktartiger und präzise formulierter Form. Ebenso sollten auf der Rückseite die Siegbedingungen der beiden Rollen, deren Möglichkeiten, Regierungspunkte zu sammeln und den Dindex zu verändern, aufgelistet sein. Was Stammwähler und Wähler in der eigenen Spielauslage unterscheidet und was die Systemgegner in der Tischmitte für den Dindex bedeuten, sollte ebenso dort kurz und knapp auf die regelmechanischen Details reduziert erwähnt werden.

Für meine kommende Partie weiß ich nun, dass ich Dindex leider nicht einfach so nebenbei erklären kann. Dazu fehlt mir die eigene Spielpraxis, um auf die Spielanleitung verzichten und nur mit der Kurzanleitung zurechtkommen. Also wird wohl ein wenig redaktionelle Eigenleistung gefordert sein, um eine Kurzübersicht für jeden Spieler zu erstellen. Ich stelle Euch die gerne hier dann zum Download zur Verfügung, nachdem ich die Nutzung der Grafiken mit dem Autor Lars-Michael Stock abgesprochen habe. Wenn Ihr bis dahin selbst Hand an Dindex angelegt habt, bin ich ebenso interessiert, wie Eure Kurzübersicht aussieht.

Und ja, vergesst bitte nicht, die ganzen Kartendecks vor der Partie intensiv zu mischen, weil ansonsten fällt das Spiel in sich zusammen. Das wäre arg schade, weil mir gefällt es weiterhin bestens. Jetzt muss ich es nur noch schaffen, diesen Eindruck auch per Regelerklärung vermitteln zu können. Denn Dindex empfinde ich als zu wichtiges Spiel, um durch blöde Erklär- und Aufbaufehler als spielerisch verbrannt zu gelten. Im Zweifel gebt bitte Dindex eine zweite Chance und eine zweite Partie.

Published — 16. Mai 2026 Brettspieltag.de

Aufbruch in Brighthelm: Als Habenichts auf zu Abenteuern

Von: ravn
16. Mai 2026 um 14:36

Lasst Euch von einem farbenfrohen Abenteuer- und Entdeckerspiel in eine fantastische Welt entführen, in der Ihr Eure eigenen Märchen erleben könnt. Die Vielfalt der Möglichkeiten steht dabei im Mittelpunkt, während Ihr Euch auf der Suche nach drei Tugenden begebt. So könnt Ihr Euch in Drachenkämpfen beweisen oder Kameradschaft und Großzügigkeit pflegen. Interessant anders, aber doch vertraut.

Darf ich mich vorstellen? Ich bin Alf Bomwell, ein Gasminenarbeiter aus Bluevale, und ich suche mein Glück. Mein treuer tierischer Begleiter hat zwar keinen Namen, als von mir trainierter Mauersegler trotzt er allerdings Regionen mit Gefahren und fliegt weiter als gewöhnlich. Ich hingegen suche die Gefahr in Form mächtiger Holzgolems und nerviger Waldelfen. Schließlich will ich diverse Tugenden erlernen und Tapferkeit ist eine davon. Dafür muss ich mich im Kampf beweisen, was mir Trophäen einbringt. Meine Mitspieler streifen ebenso durch das locker-leichte Abenteuerspiel von Autor Paul Stapleton im Verlag Spielefaible und suchen ihre ganz eigenen drei von fünf Tugenden auf dem Weg zum Spielsieg und der eigenen Krönung.

Auf dem SpieleWahnsinn 2026 in Herne lockten mich die übergroßen Holzfiguren und die farbenfrohe Aufmachung an den Spieltisch von Pegasus Spiele. So völlig ohne Vorkenntnisse einfach mal angespielt und dank ausführlicher Erklärung fanden wir auch schnell ins Spielgeschehen. Für Euch hier per Audio-Mitschnitt festgehalten:

Aufbruch in Brighthelm möchte ein entspanntes Wohlfühlspiel sein, das Euch nicht mit ausgeklügelten Mechanismen überfordern wird. Stattdessen wandert Ihr mit Eurem gefiederten Freund durch die Märchenwelt, die sich im Laufe der Partie über aufgedeckte Ortskarten formt und dabei allerlei zu entdecken bietet. Karten- wie auch Würfelglück sind Eure steten Begleiter. So wollte ich gerne die Aufgabe als Nahrungssammler angehen, fand aber schlicht nicht die benötigten Zutaten. Dafür aber eine ganze Menge an Gefahren und so strebte ich stattdessen die Tugend der Tapferkeit an, um Bedrohungen mit der Gesamtstärke von 40 zu bezwingen. Ihr solltet Euch also auf das einlassen können, was Euch das Spiel bietet und diese Möglichkeiten ergreifen.

Von der Tischpräsenz macht Aufbruch in Brighthelm einiges her. Besonders die Holzmeeple in Form unserer stilisierten Spielfigur und unseres Vogelfreundes sind überraschend großformatig. Dem gegenüber stehen die vielen kleinen Texte auf den Karten, die auf dem Spielbrett ausliegen und wir bei uns sammeln. Ohne Lesebrille ging bei mir da so gar nichts. Dabei den Überblick zu behalten, war nicht ganz einfach – entweder nehme ich mir die nötige Zeit dafür oder ich ignoriere etliches, was das Spielgeschehen allerdings unnötig verflachen lässt. Von ein bis vier Spielern ist Aufbruch in Brighthelm geeignet. Ich würde es allerdings in kleinerer Runde bevorzugen, da wir eher im Wettstreit nebeneinander her spielen und zumindest im Grundspiel keine direkten Interaktionen haben.

Die englische Originalausgabe von 2019 hat unter dem Spieletitel „Paupers‘ Ladder“ derweil etliche Erweiterungen gesehen und die Märchenwelt dadurch im Umfang und den Möglichkeiten gehörig ausgebaut. Für 2026 ist zudem mit „Die Chroniken von Brighthelm“ eine dann auch lokalisierte Sammlung der bisherigen vier Erweiterungen geplant, die Euch fast 700 neue Karten und damit neue Abenteuer bringt. Für Nachschub wäre also gesorgt.

Vom Spielgefühl habe ich meine Anspielpartie des vereinfachten Grundspiels als eher seicht empfunden. Wer auf dem spielerischen Niveau von Talisman eine modernere Variante sucht, könnte sich hier wohlfühlen. Für mich ein gutes Kaffee- und Kuchen-Spiel für regnerische Sonntagnachmittage, das ich mir im Familienumfeld gut vorstellen kann. Besonders durch die Kartenvielfalt wird jede Partie Eure ganz eigenen Geschichten erzählen, sofern Ihr Euch darauf einlassen mögt. Ich selbst bleibe hingegen lieber in der Welt von Valheim, die mir mehr Tiefgang bietet im direkten Vergleich.

Published — 14. Mai 2026 Brettspieltag.de

Die Ameisen von Amyra: An den Siegpunkten vorbeigespielt

Von: ravn
14. Mai 2026 um 11:52

Mein Erstkontakt mit der Eurogame-Neuheit aus dem PD-Verlag beschreibt eine Geschichte des Scheiterns. Nun wäre es für mich viel zu einfach, mein spielerisches Versagen einem blöden Spieldesign zuzuschreiben. Stattdessen habe ich in meiner mitgespielten Kennenlernpartie ganz viel gemacht, nur wenig davon hat mich in der Endabrechnung auf die Siegerstraße geführt. So bleibt für mich ein arg diffuses Gefühl übrig, die zugrunde liegenden Erfolgsfaktoren noch gar nicht entschlüsselt zu haben. Folgt mir auf meiner Spurensuche der Gründe.

Der PD-Verlag setzt den ersten Fokus seiner Webseiten-Spielbeschreibung auf Abschreckung: „Die Ameisen von Amyra (englisch Ants) steht in einer Reihe mit Die Ratten von Wistar.“ Denn das Ratten-Spiel hat mich in meiner Erstpartie schlicht aufgrund der vielen Möglichkeiten verloren, da ich mich einer Informationsflut aus Karten und Icons und Mechanismen gegenüber sah, aus der sich eine Überforderung an der Grenze des Chaos ergab. Ein Spiel, bei dem ich irgendwann abgeschaltet und einfach mal alles Mögliche ausprobiert habe, ohne überblicken zu wollen, ob sich irgendwo effektive Wege ergeben würden. Ein Spiel, das ich nach meiner Messepartie auch nicht mehr mitspielen wollte, weil es zwar viele spielerische Möglichkeiten bot, mir die Erarbeitung dieser Möglichkeiten aber zu mühsam und zu wenig belohnend erschien.

Beide Spiele bieten denselben grafischen Stil der Illustratoren Candida Corsi und Sara Valentino, die uns in eine liebevoll und teils humorvoll präsentierte Tierwelt entführen. Beide Spiele lassen uns unser eigenes Tableau in seinen Möglichkeiten ausbauen und glänzen mit einer schier unüberschaubaren Anzahl von einzigartigen Karten in einer gemeinsamen offenen Auslage, die effektiv kombiniert werden wollen. In beiden Spielen wird uns eine Welt an Möglichkeiten geboten, welche möglichst sprachneutral durch ganze viele Icons zusammengehalten wird und von uns erforscht werden will. Das scheint hier das verbindende Eurogame-Element der italienischen Kreativschmiede Cranio Creations zu sein, denn die Autoren sind in beiden Spielen unterschiedlich, so dass hier dann auch meine Vergleiche aufhören.

Für das Autoren-Duo Renato Ciervo und Andrea Robbiani ist Ants im Original ihr veröffentlichtes Erstlingswerk. Ein thematisches Eurogame der komplexeren Ausprägung, das zwar viele Spielmechanismen bietet, dafür aber nicht wirklich kompliziert in seinen Details ist. Es gibt einfach nur viel zu machen und das an den unterschiedlichsten Stellschrauben, um die eigene kartengetriebene Maschinerie ans Laufen zu bringen. Genau deshalb sah ich mich im Spielverlauf meiner Dreierrunden-Erstpartie von „Die Ameisen von Amyra“ scheinbar auf der Siegerstrasse unterwegs. Ich konnte viele Karten ausspielen, hatte viele Ressourcen und meine Präsenz auf dem zentralen Spielplan schien beeindruckend. Am Ende wusste ich, dass das alles nur schöner Schein war und mir einen dritten und damit letzten Platz mit Abstand einbrachte – nur halb so viele Siegpunkte wie die Führende.

Geschenkt und abgehakt, denn Erstpartien sehe ich für gewöhnlich für mich als Kernnenlernpartien der Möglichkeiten. Genau die habe ich auch genutzt in ihrer vollen Bandbreite. Nur kamen dabei kaum und noch weniger effektiv Siegpunkte dabei herum. Ganz viel gemacht, aber vollkommen den Fokus verloren und an den Siegpunkt-Möglichkeiten vorbeigespielt. Dabei haben wir die angegebene Spielzeit von 90 Minuten eher an die Vierstunden-Marke gebracht und damit locker mehr als nur doppelt überschritten. Langweilig oder gar langatmig kam mir Ants dabei aber in keinster Weise vor. Die einzelnen Spielzüge sind recht kurz, es verändert sich auf dem Spielbrett und in der Kartenauslage etwas, das ich auch in meine Überlegungen einbeziehen sollte.

Wobei ich anfangs vor allem mit der Iconflut zu kämpfen hatte. Auf zwei Seiten im Anhang der Anleitung werden diese in einer endlos langen Auflistung beschrieben. Dabei geht es um Bedingungen und Kosten und Effekte, die wir verstehen sollten, um die eigenen Handkarten und zudem die Kartenauslage von Ants lesen und verstehen zu können. Bis auf den Namen der Karten sind die vollkommen sprachneutral gehalten, so dass ich die mühsam über den Quervergleich der zum Glück ausgedruckten Icon-Auflistungen für mich entschlüsseln musste. Icon finden, Icon verstehen und das dann spielerisch einordnen und in den Nutzwert umsetzen können. Wer die sich ergebenen Muster der Möglichkeiten nicht sieht, der baut wie ich irgendwas auf, was aber weder effektiv noch zielgerichtet ist. Diese Einstiegshürde müsst Ihr hinnehmen und auch nehmen wollen.

Über unsere Arbeiter-Ameisen bauen wir unsere Präsenz auf dem zentralen Spielplan und in unserem eigenen Tunnelsystem auf unserem Tableau auf. Anfangs haben wir nur drei dieser Worker, die heranwachsen und dann später eingesetzt werden können. Im Laufe des Spiels wächst unsere Ameisenkolonie an, was uns mehr und vor allem stärkere Aktionen ermöglicht, bevor wir uns der Aufzucht als Alternativaktion widmen müssen, was Tempoverlust und zeitgleich erneute Möglichkeiten bietet, die nächste Generation von Arbeiter-Aktionen auszuführen. Das alles wird von unseren Handkarten unterstützt, die wir unter Beachtung der Vorbedingungen ausspielen. Da zeigen sich dann sofortige oder dauerhafte Effekte, sowie Effekte für die Aufzucht-Aktion und welche für das Spielende. So sammeln wir über Karten passende Symbole und spielen damit weitere Karten aus, um unsere Maschinerie effektiver zu gestalten. Und ernähren müssen wir unsere Kolonie der neuen Larven, die später zu Arbeiter werden, ja auch noch.

So gibt es für uns ganz viel zu beachten, zu koordinieren und dabei den großen Plan nicht aus den Augen zu verlieren, bis zum Spielende Siegpunkt-Potenziale anzuhäufen und freizuspielen, denn abgerechnet wird ganz am Ende. Eine belohnende Siegpunktleiste, die uns während der Partie klar macht, wo wir denn im Vergleich zu unseren lieben Mitspielern stehen, die gibt es nicht. Umso überraschender war dann schliesslich auch mein klägliches Endergebnis. Denn Ants (ich bleibe derweil beim Originaltitel, da die Lokalisation im Direktvergleich doch umständlich lang daherkommt) bietet etliche Verlockungen in Form von scheinbaren Abkürzungen, die einmalige Vorteile bieten, aber uns als Falle eher ausbremsen, weil wir stattdessen auf fortwährende Effekte verzichten. So gibt es Jokermarker und Kampfplättchen, die uns davon entlasten, ausreichend viele passende Symbole auf unseren ausgepielten Karten angesammelt zu haben. Nur einmal eingesetzt, sind diese Einmal-Hilfen weg und der Einsatz sollte sich dann hoffentlich langfristig auszahlen. Ich hingegen hatte darauf meine Strategie begründet und mich davon entlastet, zu viel zu planen und koordinieren zu müssen, ohne meine Maschinerie von sich aus ans Laufen zu bringen.

Ants ist ein stetiger Wettlauf gegen die Mitspieler. Denn eine feste Anzahl an Runden oder Spielzügen gibt es nicht. Stattdessen platzieren wir eigene Sternmarker in diversen Kategorien, die uns am Ende aufsteigend mehr Siegpunkte versprechen, je weiter wir diese Kategorie durch planvolles eigenes Spiel erfüllen. Allerdings führt uns das alle immer näher zum Spielende. Wer wie ich zunächst Sternmarker-Voraussetzungen vertrödelt, weil ich zu unfokussiert einfach mal alles machen wollte, bekommt am Spielende die Quittung dafür. In unserer Partie konnten wir diese Sternmarker erst im letzten Spieldrittel platzieren, was somit anfangs meine scheinbar imposante Präsenz an Karten und Ressourcen verschleierte.

Zu Spielbeginn sollen wir aus acht ausgeteilten Handkarten direkt die Hälfte davon wieder abwerfen. Die werden wir in deren Möglichkeiten und Chancen nie mehr wiedersehen in dieser Partie. Die zwei Könniginnenkarten versprechen uns viel, benötigen allerdings auch erhebliche Vorarbeit. Unsere sechs Startkarten sind hingegen einfacher auszuspielen. Mich hat diese Entscheidung schlicht überfordert. Ich kannte die ganzen Icons in ihren Bedeutungen noch nicht und sollte mir eine Anfangsstrategie zurechtlegen, die sich aus Karteneffekten und Symbolsynergien ergeben sollte. Da hilft nur Spielerfahrung und für eine Erstpartie einfach mal was wagen und ausprobieren. Bei mir hat sich trotz meiner schnell etablierten Präsenz-Masse wenig daraus ergeben. Ein Mitspieler, der hingegen eher kompakt und fast schon von mir bemitleidend wenig an Karten ausgespielt hatte, lag als weiterer Erstspieler unserer Partie am Ende weit vor mir. Ihr solltet Euch aber auch damit abfinden können, dass Ihr gegen Mitspieler, die schon Erfahrungen in Ants sammeln konnten, mal so gar keine Chance habt. Dafür möchte das Expertenspiel erst durchdrungen werden in seinen Einstiegshürden und taktischen Stolpersteinen im optimierten Spielablauf.

Was bleibt für mich übrig unterm Strich? Die Ameisen von Amyra fordert von Euch konzentriertes und fokussiertes Spiel ein. Ihr solltet die Kartenauslage gezielt als Potenziale verstehen und lesen können und wollen. Auf dem zentralen Spielplan ist nichts sicher und kann Euch von Euren Mitspielern vor der Nase weggeschnappt werden. Toll erdachte strategische Planungen können Euch so zerstört werden. Mit dieser Interaktion, in der sich Eure Mitspieler als direkte Konkurrenten und Störfaktoren präsentieren, müsst Ihr umgehen können. Das Spielgeschehen kann durchaus die Tendenz haben, grüblerisch zu werden, wenn Eure Pläne zu umfangreich in möglichen Optimierungen der Möglichkeiten verankert sind. Dann kann sich eine Partie für Schnelldenker ziehen. Als Bauchspieler habt Ihr eh keine Chance, also solltet Ihr Euch vorab darauf einigen, wie zügig Ihr spielen oder wie viel Zeit Ihr Euch jeweils lassen wollt. Deshalb empfehle ich besonders für Erstpartien eher drei Spieler statt einer Viererrunde in Vollbesetzung, die eigentlich nur für mehr Konkurrenz und für mehr Wartezeit sorgt.

Ich bin mir über Ants noch nicht wirklich einig in meiner eigenen Bewertung. Ja, es bietet durchaus viele Möglichkeiten, weil es etliche Spielmechaniken vereint, die ich hier in den Details gar nicht ansprechen konnte. Im Zweifel schaut Euch ein Play-Through-Video an oder stürzt Euch ebenso wie ich ins kalte Wasser einer Erstpartie. Ants braucht mehr als nur eine Spielpartie, um es für mich durchdringen zu können. Es braucht aber auch volle Konzentration aufs Spielgeschehen. Und es hat leider seine Einstiegshürde über die Iconflut, die Ihr zwingend verstehen müsst, damit sich Euer Spiel auch belohnend anfühlt, weil Eure Maschinerie Zahnrad für Zahnrad über Aktion für Aktion ineinandergreift

Ants hat mich zudem nach meinem ersten Aufzuchtzug, als alle Startressourcen verbraucht und meine Startkarten gespielt waren, in ein Loch fallen lassen, weil sich erstmal so gar keine Entwicklung zeigen wollte. Mit effektiverer Spielweise lässt sich das sicherlich vermeiden, nur muss es dazu auch kommen. Eventuell ist Ants dann doch nicht ausreichend belohnend im Spielablauf und baut nur dann einen Spannungsbogen auf, wenn Ihr selbst dafür sorgt. Eventuell sind mir diese Ameisen von Amyra dann doch eine Spur zu fordernd in der gebotenen Breite der Möglichkeiten. Nicht jede ausgebreitete Spielwiese bietet fernab der Herausforderung auch Spielspaß, der vom Spielgeschehen selbst kommt und nicht erst davon, wenn eigene Karten- und Zugkombinationen perfekt zusammenspielen. Macht das für Euch Sinn?

Published — 13. Mai 2026 Brettspieltag.de

2gether: Kooperative Beutejagd mit Rot-Blau-Maske

Von: ravn
13. Mai 2026 um 00:12

Der kryptische Spieletitel ist dem Umstand der internationalen Version geschuldet. Schwamm drüber, denn dahinter versteckt sich ein kommunikatives Echtzeitspiel im thematischen Gewand eines gemeinsamen Raubzuges. Wären da nur nicht die Laser-Sensoren, die nur jeder Zweite von uns sieht. Auf der Spiel DOCH! 2026 in Dortmund kennengelernt und aufgrund seiner Originalität direkt ins Spielerherz geschlossen.

Niemand hat etwas von einem chronologischen Rückblick auf die Spiel DOCH! 2026 in Dortmund erzählt. Ich schon mal gar nicht und deshalb war der Messestand von Piatnik auch meine allererste Station am Freitagmorgen der Veranstaltung in der Westfalenhalle 4 mit dem angenehmen Tageslicht, das für Wohlfühlatmosphäre sorgt. Eigentlich wollte ich dort ein ganz anderes Spiel erkunden, denn als alter Wortspielfreund hatte ich „Wort im Wort“ auf meinem Zettel. Allerdings wusste ich nicht, dass es sich dabei um eine neue Memory-Variante handelt, die Wortpaare ineinander schachtelt, also Eier-Feier, Lasche-Flasche und Ohr-Rohr. Ok, also diese Kennenlern-Session geschenkt und spontan das ausprobiert, was dort auf dem Tisch lag. Fix und kompetent erklärt und im Audio-Mitschnitt für Euch festgehalten – Ton ab dafür:

Diese Rot-Blau-Masken von 2gether sind schon der Hingucker, wenn wir die auf unserer Nase umgeschnallt haben. Leider dürfen offiziell nur zwei Spieler zusammen antreten. Das grenzt es für mich ein, wann ich dieses ansonsten familientaugliche Spiel der Autoren Arthur Anguilla, Antonin Boccara und Jules Messaud auf den Tisch bekommen könnte. Ich bin da mehr in größeren Spielrunden unterwegs. Aber als Einstieg oder Absacker, wenn die Meute noch nicht eingetrudelt ist oder vorab von dannen zieht, lässt sich der 20-Minuten-Happen gut einschieben. Zumal es dank der Missionsstruktur auch beliebig verlängert werden kann. Ansonsten wechselt Ihr Euch einfach ab, denn schon das Zuschauen mit vollem Durchblick aufs Spielgeschehen macht Laune.

Vier verschiedene Level mit ihren doppelseitigen Raumkarten sind im Spiel und wer es herausfordernder mag, der dreht das Versteck um und sorgt für eine gesteigerte Herausforderung. Anfangs sind wir noch im Herrenhaus unterwegs, bevor wir uns ins Casino wagen und über das Museum uns die Raumstation als Betätigungsort unserer Beutezüge vornehmen. Mit diesen insgesamt acht Spielplänen ist somit Abwechslung garantiert. Mir hat es gefallen, was ich da angespielt habe. Für rund 25 Euro im Handel und auch deshalb eine Empfehlung, wenn Ihr die ungewöhnliche Kombination 2er-Spiele, Zeitdruck, Kooperation und Kommunikation zu schätzen wisst.

Published — 10. Mai 2026 Brettspieltag.de

Kilia: 60 Minuten Reeder sein in interessanten Eurogame-Zeiten

Von: ravn
10. Mai 2026 um 12:12

Komplex verschachtelte Eurogame-Optimierspiele gibt es viele. Das hier ist zum Glück keines davon. Das angenehm reduzierte Erstlingswerk vom Autor Lars Ehresmann führt uns in eine Zeit, die Ruhm und Reichtum verspricht. Der Schleswig-Holsteinische Canal wurde eröffnet und wir sind mit dabei. Eine Aktion pro Zug und keinerlei nervige Kettenzüge und das alles im belohnenden Wettstreit im Kreise unserer Mitspieler. So entfaltet sich ein empfehlenswertes 60-Minuten-Spiel vor uns.

Unser Spieleinstieg ist dank der Packungsrückseite angenehm thematisch: „Die Ostsee glitzert im Licht der Morgensonne, Segel flattern im Wind, der Duft von Salz und exotischen Gewürzen liegt in der Luft. Kilia erwacht – und mit ihm eure Redereien.“ Klingt doch schon mal gut und erstrebenswert und das ist auch unser Motto. Denn als aufstrebender Reeder des 18. Jahrhunderts bauen wir gerade unser Handelsimperium auf. Eben erst wurde der neue Eider-Kanal als Vorläufer des Nord-Ostsee-Kanals eröffnet und bietet uns lukrative Möglichkeiten. So ergibt sich für uns eine historisch angesiedelte Optimierung von Karten und Ressource in der Hafenmetropole Kiel.

Autor Lars Ehresmann hat uns sein Spiel auf der Spiel DOCH! 2025 in Dortmund am Messestand von HUCH! in eigenen Worten erklärt. Ihr könnt diesen ebenso lauschen und auch die ersten Spielzüge per Audio-Mitschnitt miterleben. Damit sollten sich keine regeltechnischen Fragen mehr stellen und Euch klar werden, worum es hier für 2 bis 4 Spieler in entspannten 60 Minuten geht – Leinen los:

Aller Anfang scheint schwer und Kilia kommt auch etwas träge bis mühsam ins Spiel. Schließlich wollen wir unsere Eurogame-Maschine erstmal ans Laufen bekommen. Die unterschiedlichen Ausgangsressourcen sorgen dazu dafür, dass wir nicht genau unsere Mitspielerzüge kopieren und dadurch als Nachzügler ins Hintertreffen geraten. Diese leichte Asymmetrie hat mir gefallen. Wobei so eine Erstpartie auch immer ein Stochern im Nebel der Möglichkeiten ist. Also einfach mal losspielen und ausprobieren.

Unser Startauftrag hilft uns, ein erstes Ziel und damit eine erste Strategie zu entwickeln. Ich benötige Salz und einen beliebigen Rohstoff und werde dafür am Spielende nicht nur mit einem Siegpunkt belohnt, sondern bekomme direkt einen benötigten Rohstoff meiner freien Wahl geschenkt und einen neuen Auftrag aus der Auslage. Und schon habe ich mein neues Ziel und komme der ausliegenden Errungenschaft näher, möglichst vor oder zumindest in derselben Runde drei Aufträge zu erfüllen. Dadurch nähern wir uns selbst gesteuert dem Spielende, wenn einer von uns vier seiner Wertungsmarker gesetzt hat.

Dazwischen spielt sich Kilia erfrischend flott, denn jeder führt nur genau eine Aktion aus und die Schiffe lassen wir als belohnendes Element alle zeitgleich fahren. So studieren wir die offen liegende Auslage an Aktionskarten, suchen uns eine davon aus, legen die an unser Tableau an und führen die zugehörige Aktion aus. Fertig. Leider spielt sich Kilia aus meiner subjektiven Sichtweise recht interaktionsarm. Das Spiel rund um Handelsimperien kennt keinen Handel zwischen uns Spielern und direkte Interaktion gibt es auch nicht. Viel mehr bauen wir im Wettstreit unsere Reederei aus und wollen dabei Wertungsmarker platzieren. Jeder ist dabei auf sein eigenes Tableau fokussiert, während die Mitspieler fast nur Störfaktoren sind, die uns begehrte Aktionskarten aus der gemeinsamen Auslage vor der Nase wegnehmen. Dann heißt es eben kurz umplanen und aus den Gegebenheiten, die zweitbeste Zugmöglichkeit zu finden.

Wer ein solches selbst belohnende Aufbaugeschehen rund um Rohstoffe, Ausbauten, Aufträge und Wertungsmöglichkeiten mag, für den ist Kilia ein schön thematisches Optimierungsspiel auf der Grenzlinie zwischen Familien- und Expertenspiel. Höhepunkt jeder Spielrunde war für mich, mein Pappschiff haptisch ansprechend dem neuen Schleswig-Holsteinischen Kanal zwischen der Nordsee und der Ostsee entlang fahren zu lassen. Geleitet in einer tieferliegenden Schiene bis zum anderen Ende des Kanals. Meine Strecke verlief von London nach Kiel und auf dem Weg konnte ich Münzen und Rohstoffe einsammeln. Das fühlte sich stets gut an, auch wenn mir die grafische Abbildung meiner Schiffe die Ausrichtung von Bug und Heck besser hätte vermitteln können. Nicht nur einmal wollte ich rückwärts losfahren, um Packhaus nach Packhaus anzusteuern. Ich hatte schlicht vergessen, mein Schiff zu drehen. Meine Mitspieler haben mich allerdings rechtzeitig gestoppt.

Die fehlende Interaktion wurde übrigens laut Autor Lars Ehresmann für das vorliegende Grundspiel reduziert. Da könnte also noch einiges mehr kommen, sofern denn Kilia auf dem Markt der vielen Brettspielneuheiten in den kommenden Monaten überzeugen kann. Für ein Erstlingswerk wirklich beeindruckend, wie rund sich Kilia spielt. Das perfekte Spiel für entspannte Partien an einem Sonntagnachmittag, wenn das Eurogamer-Hirn ein wenig gefordert sein möchte, aber eben nicht zu viel. Für Kaffee und Kuchen sollte hier nebenbei noch Zeit sein. Deshalb meine Empfehlung, auch wenn ich die wirklichen Spitzen der Höchstspannung etwas vermisst haben.

Published — 08. Mai 2026 Brettspieltag.de

Die Bestie: Gejagt im Gévaudan im Jahr des Herrn 1764

Von: ravn
08. Mai 2026 um 16:56

So schreibt sich Spielegeschichte: Auf dem SpieleWahnsinn 2026 in Herne kennengelernt und in entspannter Viererrunde als Bestie knapp verloren, weil ich dann doch zu übermütig war und meine geheime Identität als Raubtier vorzeitig enttarnt wurde. Eine interessante Erfahrung, die sich allerdings im viel besuchten Gerne der Hidden-Movement-Spiel abspielt, von denen ich schon eine ganze Menge besitze. Trotzdem ist La Bête ausreichend anders.

Alles neu? Keineswegs, denn La Bête wurde schon 2023 auf der BerlinCon in lokalisierter Version als „La Bête – Die Bestie“ von Multivers vorgestellt. In Frankreich gab es das Hidden-Movement-Spiel vom Autor Charlec Couronnaud schon ein Jahr länger. Inzwischen ist es wieder auf Deutsch verfügbar und befindet sich nun im Vertrieb von Koalla Spiele. Die sind mit ihrem Geheimtipp Kauri desselben Autors auf der Empfehlungsliste zum Kennerspiel des Jahres 2025 gelandet. Auf dem diesjährigen SpieleWahnsinn in Herne am ersten Maiwochende ergab sich durch einen freien Tisch für meine Spielrunde und mich die Gelegenheit, „La Bête – Die Bestie“ vor Ort kennenzulernen. Wie das alles im Jahr 1764 eine Geschichte ergibt, die wir in weitergedachter Scotland-Yard-Manier gemeinsam gegen die Bestie spielen, erfahrt Ihr im Audiomitschnitt direkt vom Koalla Spiele Messestand – reingelauscht:

La Bête – Die Bestie“ bietet als Blickfang eine schön atmosphärische Optik mit auffälligen Holzfiguren und wuchtigen Identitätsscheiben. Genau diese wurde mir auch zum Verhängnis, denn wenn der passende Ermittler meine wahre Identität herausfinden kann, dann habe ich als gejagte Bestie verloren. Dabei wollte ich doch nur ein paar Dorfbewohner von ihrem elendigen Leben erlösen. In Gestalt des vorab gewählten Raubtiers wähnte ich mich recht sicher und dieser Übermut wurde mir schließlich zum Verhängnis, als sich die Ermittlerschlinge enger zog. Dabei hätte ich auch gut und gerne das Wolfsrudel, der Graf, der Teufel oder alternativ der Landstreicher sein können. Nur alleine meine Position aufzusuchen, die ich Runde für Runde sowieso offenbaren muss, reicht für die Ermittler nicht aus. Stattdessen müssen die mich innerhalb von drei Spieljahren mit jeweils vier Jahreszeit-Runden davon abhalten, meine 25 Opfer zu töten oder eben meine geheime Identität zu entlarven. Dabei stochern die Ermittler wie genreüblich ein wenig im Nebel herum und werden allzu gerne von der Bestie in Bluff-Situationen gelockt.

Mir hat die Spielpartie gefallen. „La Bête – Die Bestie“ auf Seiten der titelgebenden Bestie Spaß gemacht, weil ich wissend statt deduzierend agieren konnte. Zudem fand ich es äußerst amüsant, den wilden Spekulationen der lieben Ermittler zu lauschen. Die lagen erstaunlich oft richtig, nur um sich dann doch für eine alternative Vorgehensweise zu entscheiden. Während sich die bis zu vier Ermittler gemeinsam offen absprechen und sich so auch gegenseitig bei Regelfragen helfen können, spielt es sich auf der Gegenseite der Bestie doch recht einsam. Deshalb solltet Ihr in dieser Position auch das Regelwerk ausreichend verinnerlicht haben, denn unklare Regeldetails oder gar falsche Spielzüge behindern bis zerstören die Spielpartie. Die dauert auch nur rund 60 Minuten, sofern das Ermittlerteam nicht immer alles bis ins letzte Detail durchdenken möchte. Wer eine gute Mischung aus Fury of Dracula in kürzerer Form und Scotland Yard mit moderneren Spielmechanismen und einem atmosphärischen Thema sucht, der kann sich hier bei „La Bête – Die Bestie“ richtig fühlen.

Wenn Ihr allerdings wie ich die Hidden-Movement-Spiele Die Akte Whitechapel, Der Whitehall Mord, Mind MGMT, Nuns on the run, Terrorscape und 1ers Contacts im Spieleschrank stehen habt, dann stellt sich die Frage, ob „La Bête – Die Bestie“ ausreichend anders ist. Vom Grundprinzip durchaus vergleichbar, aber besonders durch den thematischen Hintergrund und die Nutzung der verschiedenen Identitäten mit ihren Sondereigenschaften eine Bereicherung für das Genre. Wenn Ihr Euch somit am Genre noch nicht satt gespielt oder weiterhin dort Euer Lieblingsspiel noch nicht gefunden habt, dann ist diese Bestie durchaus eine Anspielpartie wert.

Published — 04. Mai 2026 Brettspieltag.de

Take Time: Mehr als ein Fest und eine Falle für Alphaspieler?

Von: ravn
04. Mai 2026 um 19:13

Das kooperative Kartenablege-Spiel aus dem Hause Libellud wird seit Monaten als mächtiger Spiel des Jahres Kandidat gehandelt. Ich selbst habe den Titel auf der letztjährigen SPIEL in Essen verpasst, danach war der ausverkauft und nun hatte ich auf dem SpieleWahnsinn in Herne endlich die Anspielchance. Denn einen Blindkauf in diesem doch speziellen Genre wollte ich dann doch nicht wagen. Leider bin ich fast so ratlos wie zuvor.

Meine Ausgangsfragen sind eigentlich ganz einfach: Taugt Take Time als Spiel für meine diversen Spielrunden? Macht es gemeinsam Spaß, sodass es wiederholt auf den Tisch kommt? Kann ich es mit unterschiedlichen Mitspielern weiterspielen oder benötige ich doch eher eine feste Gruppe, die sich den aufsteigenden Herausforderungen stellt? Finden Neueinsteiger auch in komplexeren Aufgaben ins Spiel, ohne dabei zum Bremsklotz oder gar Sündenbock zu werden? Meine Erstpartie auf dem SpieleWahnsinn 2026 in Herne sollte mir die Antworten dazu liefern. Der Spieleinstieg war denkbar einfach, weil bestens durch unsere Erklärerin vor Ort vermittelt und hier per Audio-Mitschritt festgehalten:

Die allererste von 40 Aufgaben der der Autoren Alexi Piovesan und Julien Prothièreaus lag vor uns aus. Zukunftsmusik waren hingegen die restlichen 39 Herausforderungen, die aufgeteilt in zehn Kapiteln, jeweils einen neuen Umschlag mit geheimnisvollem Inhalt mitbringen. Und ganz am Ende winkt noch ein „Zeitsprung“-Bonusumschlag, der das Spielgeschehen verlängern soll. Aber wir hatten erstmal genug mit Aufgabe 1 zu tun. Mal eben die zwölf verteilten Karten rund um die Uhr auslegen, sodass am Ende aufsteigende Zahlenwerte dort stehen und zwei kleine Sonderregeln beachtet sind, das sollte doch ein Kinderspiel werden. So dachten wir hochmütig. In der Auflösungsphase kam nach der zweiten aufgedeckten Karte schon die gemeinsame Niederlage für uns. Also doch nicht so einfach und deshalb gleich noch mal probiert. Diesmal klappte es besser und ich zumindest fühlte durchaus den Nervenkitzel, verdeckte Karten abzulegen, ohne sich in dieser Phase gegenseitig absprechen zu können.

Es geht also um Vertrauen untereinander und das Vertrauen darauf, dass jeder von uns weiß, was er zu tun und zu unterlassen hat. Dazu gibt es extra eine taktische Vorbesprechung, nachdem verdeckt zwölf Karten unter uns ausgeteilt worden sind. Blöd, dass die Hälfte des Kartenstapels beiseite gelegt wird und wir mal so gar keine Ahnung haben, welche Zahlenverteilung wir bei uns und bei unseren Mitspielern vorfinden werden. Einzig wissen wir anhand der Kartenrückseite, ob wir schwarze oder weiße Karten bekommen haben. Bei drei weißen Karten in unserer entspannten Viererrunde war mir somit klar, dass ich zwingend drei unterschiedliche Werte haben werde. Hilft das? Keine Ahnung, aber wir haben zumindest in Herausforderung 1 noch beliebig Zeit, das gemeinsam zu diskutieren. Und genau da sind wir eventuell bei dem Knackpunkt des ganzen Spiels angekommen.

Denn diese taktische Vorbesprechung zu Beginn einer Herausforderung entlarvt Mitspieler, die gerne den Takt vorgeben oder schlicht gemeinsame Pläne entwickeln. Eigentlich sollte an diesem Punkt des Spiels eine Diskussion entstehen, wie die kommende Aufgabe bewältigt werden könnte. Schließlich wollen wir kooperativ gewinnen und da ist der beste Plan, der von allen bevorzugte Plan. Aber wer sich überhaupt und wie intensiv daran beteiligen mag, liegt an den Mitspielenden selbst. Alphaspieler wird hierbei Tür und Tor geöffnet, sofern die späteren Herausforderungen die Planungsphase nicht weiter einschränken. Wer sich als Ideengeber oder nur Befehlsempfänger versteht, muss die Spielrunde unter sich ausmachen. Manch einem liegt die eine oder die andere Rolle auch mehr. Solange sich alle damit zurechtfinden können, ist doch alles gut. Und wenn nicht, liegt es dann an dem Spiel mit seinem kooperativen Charakter oder an Einzelnen, die kooperieren mit bestimmen verwechseln?

Somit steht und fällt Take Time mit der Spielrunde. Haben alle am Tisch den gleichen Ehrgeiz, sich in die Herausforderung reinzudenken? Ein einziger Spieler reicht aus, der das alles nicht recht verstanden hat oder auch nur weniger Lust verspürt, mitzuplanen und im späteren Ausspielen auch mitzudenken, um die Herausforderung für alle scheitern zu lassen. Spielrunden, die hier Schuldzuweisungen verteilen, sind wohl ebenso die falsche Zielgruppe wie solche, die sich nur Schulter zuckend anschauen und den eigentlichen Spielreiz in Take Time nicht sehen.

Wir in unserer Viererrunde hatten im zweiten Anlauf diese allererste und einfachste Aufgabe gelöst. Ich fand das durchaus spannend, schloss mich in unserer Nachbesprechung aber der Mehrheitsmeinung an, dass im direkten Vergleich Bomb Busters doch besser und gehaltvoller wäre. Den potenziellen Kauf hatte ich zu dem Zeitpunkt abgeschrieben. Nur wollte mich Take Time in den kommenden Stunden nicht so recht loslassen. Da hat irgendwas an meinem Spielernerv genagt, der mir zuflüsterte, dass dieses kooperative Kartenablege-Spiel noch mindestens eine weitere Chance verdient hätte. Und genau deshalb bin ich nun auf der Suche nach dem besten Angebot für Take Time, obwohl vorab so vieles dagegen sprach. Spricht das doch für einen potenziellen Spiel des Jahres Kandidaten?

Published — 02. Mai 2026 Brettspieltag.de

Dindex: Von Schafen und Wölfen zu meinem Messe-Höhepunkt

Von: ravn
02. Mai 2026 um 13:47

Die Demokratie steht bei uns als Thema auf dem Spieletisch und zeitgleich auf dem Spiel. Nicht mit erhobenen Zeigefinger vorgetragen, sondern als Politikspiel, in dem wir selber die Akteure sind und Handlungen mit ihren Folgen hautnah nacherleben können. Bei einigen Aktionen lief mir ein kalter Schauer über den Rücken, weil wir hier so nah an der Realität sind bei diesem Social Deduction Game mit Aktionskarten als Motor des Geschehens. Vom Autor vor Ort erklärt und in Viererrunde angespielt.

Wir sind drei Demokraten und ein Oligarch. Diese Rollen werden zu Spielbeginn verdeckt verteilt. Bis zu sieben Parteien können dabei sein, wobei der Anteil an den Gegenspielern unserer Demokratie ansteigt. Aber auch ohne Spieler, die das Scheitern unserer Rechtsordnung bewusst herbeiführen wollen, ist es kein leichtes Spiel. Denn die Demokraten selbst verfolgen zudem eigene Interessen, wollen wiedergewählt werden und brauchen dazu Stimmen. Am Ende gewinnen die Oligarchen gemeinsam oder ein Demokrat konnte die meisten Regierungspunkte für sich einsammeln. Da ist die Verlockung arg groß, einfach mal populistisch zu agieren, Wahlen für eigene Zwecke zu manipulieren und selbst vor Wahlbetrug nicht zurückzuschrecken.

In meiner Anspielpartie auf der Spiel DOCH! 2026 in Dortmund am Messestand von AdveRunde habe ich das alles komprimiert selbst erleben können. Aus Zeitgründen haben wir unsere Partie abgebrochen, ich hätte aber gerne weitergespielt. Dindex ist im Eigenverlag vom Autor Lars-Michael Stock entstanden. Der Mann hat eine Mission, betätigt sich in der politischen Schulbildung und möchte mit Dindex aufzeigen, wie fragil und ebenso schützenswert unsere parlamentarische Demokratie ist. Am Spieltisch könnt Ihr das je nach Mitspielerzahl und vorab vereinbarte Spiellänge in rund 30 bis 120 Minuten erleben.

Das asymmetrische Kartenspiel ist bewusst einfach gehalten. Bietet aber im Rahmen der 100 verschiedenen Aktionskarten eine Menge an Möglichkeiten. Lauscht einfach selbst der Spielerklärung direkt vom Autor und Ausschnitte unserer Anspielpartie im Audioformat – von der Spielvorbereitung über die Geheimaktionen bis zu den finalen offenen Aktionen mit der Rundenabrechnung:

Wer jetzt Lust auf Dindex bekommen hat, der bekommt es für 24 Euro im Direktvertrieb des Verlages oder auf diversen Spieleveranstaltungen vor Ort. Ich für mich spreche dafür eine Empfehlung aus, obwohl es klar sichtbare Ecken und Kanten eines Kleinstverlagsspiels hat, das ich durchaus als Herzensprojekt einordne. Eine erfahrene Redaktion hätte das Spielgeschehen sicher runder gemacht und ebenso ein paar Einstiegshürden minimiert. Spielbar und das sogar wirklich gut und spannend ist Dindex trotzdem in der vorliegenden Form. Ihr solltet nur bereit sein, eventuell etwas eigene Hand anzulegen oder Euch Zeit für die 32-seitige und etwas geschwätzige Anleitung nehmen.

Konkret ist die gewählte Symbolik auf den Aktionskarten für mich nicht eindeutig genug. So steht die Lupe für Geheimaktionen, obwohl die Lupe in meinem Verständnis etwas deutlicher werden lässt. Hier werden Aktionskarten geheim gespielt, spielmechanisch verdeckt in einen Stapel und dann gemischt reihum ausgeführt, sofern möglich. Ein Spion-Symbol oder eine Maske hätte ich da besser nachvollziehen können.

Und dass sich der Dindex am Kartenrand ausschließlich auf die Ausspielmöglichkeiten beziehen, aber eben nicht den einzelnen Textpassagen der Karte zugeordnet sind, das muss einmal erklärt werden. Ich konnte genau das Stirnrunzeln sehen, als meine Mitspieler das erste Mal eine Aktionskarte sahen und wenig verstanden haben. Ging mir genauso. Hier hätte eine optisch eindeutigere Trennung der Kartenelemente geholfen.

Dazu kommt noch, dass hier weiße grasende Schafe und aufrecht stehende braune Schafe als Symbolik genutzt werden, mal durchgestrichen und mal nicht. Die Rückseite der Spielanleitung gibt dazu Auskunft, was das bedeuten soll. Es sind eigene Wähler sowie Nichtwähler in der Tischmitte und Stammwähler einer Partei und Systemgegner in der Tischmitte. Da hätte ich mir lieber eine eigene Übersichtskarte für jeden Spieler gewünscht. Solche Übersichtskarten gibt es zwar, aber nur vier davon und die nur einseitig mit dem Ablauf der Legislaturperiode bedruckt, die dem spielerischen Kern von Dindex entspricht. Die Rückseite wäre also noch frei gewesen.

Um den Spieleinstieg nochmals zu erleichtern, hätte ich mir Kartenablagen gewünscht. Einfach passende Pappteile, die per Schriftzug genau bezeichnen, was dort in der Tischmitte gestapelt und ausgelegt ist. Ebenso gerne für jeden Spieler, um dort die Stammwähler und Wähler zu sortieren. Wer mag, der bastelt sich das selbst und druckt es auf Papier aus. In der aktuellen Spieleschachtel wäre sowieso kaum Platz dafür gewesen, weil die ist randvoll gefüllt. Die Kartenqualität ist zwar ausreichend gut, aber die Zufallskarten sowie die Rollenkarten habe ich trotzdem in Kartenhüllen gepackt. Wäre schade, wenn die markiert und damit unbrauchbar werden würden. An das Sleeven der anderen Karten braucht Ihr erst gar nicht denken, denn dann müsstet Ihr Euch direkt eine neue Spieleschachtel mit weitaus mehr Volumen besorgen.

Vom spielerischen Aspekt steuert sich Dindex über die Aktionskarten. Davon habt Ihr eine zufällige Auswahl auf der Hand und könnt damit Aktionen ausführen. Der aktuelle Demokratieindex-Wert schränkt Euch dabei ebenso ein wie mache Karten, die nur von der Opposition oder der Regierung oder den Oligarchen oder den dargestellten Ministerien gespielt werden dürfen. Das schränkt ein und genau deshalb gibt es auch die Aktion, eine Handkarte abzuwerfen und nachzuziehen. Glück ist somit im Spiel, ob und was Ihr machen könnt und ob diese Aktionen in Eure Strategie passen.

Wer hingegen gezwungen ist, eine Aktionskarte abzuwerfen, in der Hoffnung, eine brauchbare Karte nachzuziehen, der hat in der Phase der offenen Aktionen einen Tempoverlust. Wenn sogar alle Spieler nur Karten nachziehen oder passen, anstatt eine Aktionskarte auszuspielen, ist diese Phase vorbei. In meiner Partie hätte ich gerne den Dindex wieder Richtung demokratischem Konsens getrieben, nur gaben mir meine Handkarten nicht die Möglichkeit dazu. Diese Handlungseinschränkung müsst Ihr hinnehmen oder selbst die Regeln für Euch anpassen, indem direkt zwei statt nur eine Karte ausgetauscht werden darf – mit ungewissem Ausgang für die Spielbalance solcher Hausregeln.

Trotz aller Detailkritik dieser Ecken und Kanten war Dindex für mich der Höhepunkt der Spiel DOCH! 2026 in Dortmund. Direkt neben Hero Story, das ebenso Potenzial hat, zu polarisieren. Beide habe ich vor Ort gekauft und bei Dindex hat ein Mitspieler auch direkt zugeschlagen. Sollte für sich und das Spiel sprechen. Dindex lebt von der Atmosphäre am Spieltisch und der hochaktuellen Thematik, die sich in den vielen Aktionskarten von „Die da oben!“ bis „Propaganda im Staatsfernsehen“ widerspiegelt. Wenn Ihr mit einem etwas glückslastigen Spielablauf über Aktionskarten leben könnt und den Möglichkeiten, die Euch dabei Eure Kartenhand bietet, um in diesen Grenzen zu agieren, dann spreche ich eine klare Kaufempfehlung für Dindex aus. Hier würde ich mir eine Deluxe-Version wirklich wünschen. Bis dahin werde ich beizeiten wohl selbst Hand anlegen, um die Dindex-Einstiegshürden für meine Mitspieler und mich zu minimieren. Denn Dindex ist zu wichtig, um nicht gespielt zu werden.

Palooka AI: Anders als gewöhnlich und deshalb interessant

Von: ravn
30. April 2026 um 21:18

Der Spieletitel dieses ungewöhnlichen Prototyps auf der Spiel DOCH! 2026 in Dortmund leitet sich von dem Slangbegriff für einen ungeschickten Boxer ab, um den sich Legenden unbekannter Herkunft ranken. Autor Gerhard Junker erfindet seine ganze eigene Geschichte dazu und hat all den ins All geschossenen Tieren ein spielerisches Denkmal gesetzt und uns ein Spiel erschaffen, das alle Genregrenzen sprengt. Seine Erklärung im Audiomitschnitt und meine Erfahrungen der Anspielpartie geben Euch einen ersten Eindruck davon, was Ihr in der kommenden Crowdfunding-Kampagne erwarten könnt.

Endlich mal keine Rohstoffe sammeln, um damit Aufträge in Siegpunkte umzuwandeln. Ich bin da um jede Neuheit froh, die solchen arg ausgetretenen Spielmechanismen fernbleibt. Stattdessen wird es in Palooka AI haptisch, taktisch und teils auch ein wenig konfrontativ. Zeitdruck ist in einzelnen Phasen bewusst eingesetzt auch mit dabei. Dazwischen gibt als spielerischen Ausgleich fokussiert grüblerische Optimierung rund um abgestimmte Aktionsfolge. Palooka AI bietet viel und da gilt es für Euch die Übersicht zu bewahren. Eine Kennenlernpartie solltet Ihr Euch schon gönnen, um dieses eher ungewöhnliche Brettspiel in den sich Euch bietenden Möglichkeiten zu erfassen.

Auf der Spiel DOCH! 2026 in Dortmund habe ich Palooka AI in entspannter Zweierrunde in der vereinfachten Grundversion angespielt. Am Messesonntag betreute Autor Gerhard Junker alleine zwei Spieltische und erklärte uns so das Spielgeschehen wechselweise in Etappen. Hier für Euch im Audiomitschnitt zusammengestellt – von der Spielidee über die Grabbelphase bis zu den Kartenaktionen miterlebt und im zweiten Teil ein abschließendes Kurzinterview mit dem O-Ton des Autors:

Was passiert da auf dem Tisch aus Spielersicht? Ich grabbel blind in meinem Materialsack und muss mich dabei vollkommen auf mein Tastgefühl verlassen, um passende Pappteile herauszufischen. Diese fünf gezogenen Teile teile ich nun in direkt verwertbar und Schrott für später auf, den ich offen und im Zugriff für alle Spieler liegenlasse. Im Folgeschritt überlege ich dann, wie ich mit meinen Aktionskarten eine begrenzte Folge von Anweisungen so zusammenstellen kann, die mich in Summe mein mächtiges Roboter-Konstrukt als Ziel näherkommen lässt. Dazu sollte ich im Blick haben, was alles an Sammel- und Umsortier-Aktionen möglich ist und was für mich davon sinnvoll scheint und welche Grenzen mir die Aktionskarten setzen.

Mein Aha-Erlebnis kommt in der Aufdeck- und Ausführphase dieser zunächst verdeckt liegenden Aktionskarten. Passt das alles so zusammen, wie zunächst gedacht, oder habe ich doch etwas übersehen? Erst grabbeln, dann planen und dann ausführen. Das umreist grob eine Spielrunde und am Ende des Spiels werten wir unsere Roboter-Konstruktion aus, um Siegpunkte zu notieren. Eigentlich ganz einfach. Allerdings haben wir noch ohne die optionalen Zusatzmodule von Palooka AI gespielt und auch nur zu zweit statt in Vollbesetzung. Das Spiel bietet noch so viel mehr. Ein Baukasten der Möglichkeiten sozusagen.

Palooka AI steht sich leider etwas selber im Weg. Aus Spielersicht sehe ich das so, verstehe aber ebenso, dass der Autor da seine ganz eigene Sichtweise hat, wie im Nachgespräch meiner Anspielpartie klargelegt. Der Titel von Palooka AI ist für mich nichtssagend. Der löst keine Bilder im Kopf aus, auch weil ich vorab nicht wusste, was ein „Palooka“ überhaupt ist. Durch den Zusatz „AI“ bekomme ich allerdings eine Erwartungshaltung verpasst, die mich eher abschreckt. Schlicht weil der Begriff „AI“ inzwischen eher negativ bei mir besetzt ist. Dabei möchte der Autor Gerhard Junker ganz bewusst mit solchen Begriffen spielen und denen eine positiv neue Bedeutung als „Analoge Intelligenz“ in Bezug auf die tierischen Helfer in ihren Raumanzügen geben. Verstanden, aber erst im Nachgang der persönlichen Erklärung. Mit alleinigem Blick auf den Spieletitel verstehe ich die Meta-Ebene aber zunächst nicht und erkenne erst gar nicht, dass es überhaupt eine gibt.

Bei der vorhandenen Neuheitenflut des Brettspielmarktes kann jede noch so kleine Irritation und falsche Erwartungshaltung zu einer Nichtbeachtung führen. Wenn ich „AI“ im Titel lese und vermute, dass da künstlich generierte Grafiken und Illustrationen mit im Spiel sind oder mir eine App aufgezwungen wird, dann schalte ich vorschnell meinen Filter ein uns sortiere solche Spiele aus, bevor die überhaupt in meine engere Mal-anschauen-Auswahl kommen. Bei Palooka AI gibt es keinerlei AI-Grafiken, ganz im Gegenteil. Die wirklich sehenswerten Illustrationen stammen von dem Storyboard Artist Brian Read, der erstmalig seine Werke in einem Brettspiel einer breiten Öffentlichkeit zeigt statt versteckt im internen Prozess des Filemachens. Und eine App gibt es, aber nicht in elektronischer Form, sondern als ironische Abkürzung für „Analysis Paralysis Player“, der schlicht eine der Roboter-Monteure darstellt, der uns als Charakter durch sein beharrliches Grübeln zur Aufgabe zwingen könnte. Verstanden? Wenn nicht, dann versteht Ihr meine Verwirrung ebenso.

Ich persönlich habe mich zudem mit der Zuordnung der Aktionskarten schwergetan. Dort ist kein erklärender Text abgebildet, stattdessen soll ich aus den geometrischen Formen auf die Spielmaterialen schließen, was ich sehe und mir so klar werden, was ich von wo und was dort machen kann. Auch die Sonderteile meines persönlichen Lagers und meines Konstruktionsplatzes haben sich mir auf Anhieb nicht erschlossen. Da ich zudem mit den ganzen Begrifflichkeiten hier herumstolpere, zeigt es ebenso nur, dass ich noch gar nicht recht durchdrungen habe, was das alles darstellen soll. Im Spielverlauf konnte ich die thematische Brücke nicht begehen, die mir in anderen Spielen spielmechanische Zusammenhänge klarer werden lässt. Palooka AI erfordert viel Erklärungsaufwand, der sich für mich nicht von sich erschlossen hat. Hier hoffe ich, dass der Autor im Rahmen seiner Crowdfunding-Kampagne noch nachbessern wird und ein wenig auf die Bremse tritt.

Was bleibt, das ist ein Prototyp der noch einige Ecken und Kanten hat, was für einen Prototyp völlig in Ordnung ist. Ob und wie viele davon in der späteren Verkaufsversion enthalten und erhalten bleiben, kann ich in keinster Weise beurteilen. Zwar machen diesen Anstoßpunkte Palooka AI für sich gesehen außergewöhnlich und deshalb auch interessant, aber einen Spieleinstieg mit weniger Erklärbedarf wünsche ich mir als Spieler und potenzieller Käufer dann doch. Ob dieser Drahtseilakt gelingt, wird sich im Laufe der Crowdfunding-Kampagne zeigen müssen. Ich wünsche viel Erfolg auf diesem Weg, der im Umfeld der rundgeschliffenen Neuheitenflut mit bequem-bekannten und damit für mich langweiligem Mechanismen-Wiederholungen sicher nicht einfach sein wird.

Hero Story: Polarisierend atmosphärisches Stichspiel

Von: ravn
28. April 2026 um 22:09

Die Ursprünge dieser bisher von mir völlig übersehenen Neuheit aus dem Winter 2025 liegen bei den Autoren Jamey Stegmaier und Pete Wissinger. Seit Februar 2026 gibt es die deutschsprachige Lokalisation von Feuerland Spiele und zwei Monate später habe ich das Kartenspiel auf der Spiel DOCH! in Dortmund entdeckt und bei meiner Anspiel-Session abgefeiert. Aber nicht jeder war in meinem Umfeld begeistert, als ich es danach auf den Tisch bringen wollte.

Die Spiel DOCH! 2026 in Dortmund hat mir mal wieder ausführliche Gelegenheiten geboten, all das für mich zu entdecken, was ich die Monate davor schlicht verpasst hatte. So auch die deutschsprachige Version von Origin Story aus dem Hause Stonemaier Games. Anscheinend war ich mit Vantage ausreichend ausgelastet, sodass ich die ganzen Ankündigungen und sogar das Entwickler-Tagebuch von Jamey Stegmaier seit Oktober 2025 übersehen konnte. Erstaunlich, aber so war die Überraschung umso größer, als ich Hero Story bei Feuerland Spiele sah. Das Kartenspiel an sich ist gleich geblieben, der Titel wurde allerdings angepasst und natürlich die Kartentexte mitsamt Anleitung übersetzt. Das Thema Sprachhürde ist hier also keines. Der Einstieg gelingt umso leichter. Und noch leichter wird es für Euch, wenn Ihr die Spielerklärung lauscht, die ich direkt vom Feuerland Spiele Messestand bei meiner Erstpartie mitschneiden konnte:

Richtig gehört, Hero Story ist ein recht gradliniges Stichspiel, bei dem Bedienzwang herrscht und Ihr für gewonnene Stiche Punkte bekommt. So geht das über fünf Runden, in denen wir normalerweise unsere acht Handkarten ausspielen. Nur normal ist bei Hero Story schon mal gar nichts, denn schließlich geht es um Superhelden und Superschurken. Für welche Seite Ihr Euch Runde für Runde entscheidet, das ist Euch mit Blick auf Eure Kartenhand überlassen. Wollt Ihr Eure böse Gesinnung ausleben, solltet Ihr möglichst Stiche vermeiden, um die vier Bonuspunkte einzusammeln. Ihr seid eben als Held noch ganz am Anfang Eurer Geschichte und könnt Euch noch nicht so recht für eine Seite entscheiden.

Und schon sind wir mittendrin im Thema und das ist die Besonderheit von Hero Story. Denn die komplette Aufmachung von Hero Story atmet das Herzblut eines Comic-Nerds. Schon bei der Auswahl der einzigartigen fünf Charaktere im Spiel. Jeder hat sein eigenes Spieler-Tableau mit großformatigem Cover und den illustrierten Ablagefeldern für Eure Storykarten auf der aufgeklappten Innenseite. Von Spielrunde zu Spielrunde schreibt Ihr so Eure Geschichte aus einer Zufallsauswahl von besonderen Fähigkeiten fort. Wer wollte nicht schon immer mal unsichtbar sein oder eine verbündete Jägerin an seiner Seite zu wissen? Hero Story macht das alles möglich und das in einem Stichspiel.

Natürlich kommt in der Mitte des Spiels in Runde 3 ein besonderes Ereignis ins Spiel, das für alle Mitstreiter gilt und 18 verschiedene wie überraschende Story-Wendungen bietet. Körpertausch gefällig? Die letzte Spielrunde lässt Euch dann abschließend Eure bisher geheime Superidentität enthüllen. Als was wollt Ihr in die Geschichte eingehen? Ihr bestimmt es aus der erneut zufälligen Auswahl von zwei Karten selbst, die bisher auf der Rückseite für Euch den Rundenablauf dargestellt haben. So etwas nenne ich schön durchdacht und genau an diesen vielen Kleinigkeiten merke ich, dass mir Hero Story außergewöhnlich gut gefällt. So gut, dass ich es mir direkt auf der Messe gekauft habe. Für 25 Euro konnte ich an der kleinen Schachtel nicht vorbeigehen.

Für mich eines meiner Spiel DOCH! 2026 Messehöhepunkte. Nur sieht das nicht jeder so und das ist auch völlig in Ordnung für mich. In meinem spielerischen Umfeld wurde es schon auf der Spielefreizeit in Bad Holzhausen gespielt. Selbsterklärt anhand der Anleitung und eventuell in Details falsch gespielt. Zumindest kam es dort unter Stichspiel-Liebhabern nicht an. Eine weitere Mitspielerin, die es in einer wohl ungünstigeren Runde am Sonntagmorgen in Dortmund kennengelernt hat, war ebenfalls nicht begeistert. Lag es an der Spielrunde, am Spiel selbst oder dem eigenen Geschmack? Hero Story scheint zu polarisieren. Ich selbst hatte es bei meinem Messerundgang am zunächst vollbesetzten Tisch als „ok, doch nur ein Stichspiel im Superhelden-Thema“ fast schon abgetan. Zum Glück ergab sich kurz vor Messeschluss noch die Chance, es selbst spielen zu können. So können sich Meinungen ändern. Deshalb spielt es selbst und bildet Euch Eure eigene Meinung.

Noch ein letztes Wort zur Spieleschachtel. Die ist ungewöhnlich kompakt. Finde ich eigentlich gut, weil Luft in der Schachtel braucht wirklich niemand und meine Spielesammlung auf der Suche nach einem Regalplatz schon mal gar nicht. Allerdings müsst Ihr es Euch deshalb abschminken, alle Karten sleeven zu wollen. Ich selbst habe nur die eigentlichen Spielkarten, die dauernd in Benutzung sind, in matte Kartenhülle von Gamegenic gepackt. Fühlte sich für mich besser an, auch weil ich damit einfacher mischen kann. Die anderen Karten mischt Ihr hingegen nur ein einziges Mal vor der Partie, zieht die vom Stapel und legt die auf Euer Tableau ab. Das sollte auch ohne Kartenhüllen klappen. Aber abgenutzt sahen die bespielten Karten auf der Messe auch nicht wirklich aus. Ist also eher eine Kopfsache von mir und keine Notwendigkeit für Euch.

So wirklich gar nichts habe ich Euch bisher zum Solomodus erzählt, denn dazu kann ich Euch an dieser Stelle schlicht nur die blanke Theorie sagen: Das Spielmaterial bringt eine eigene Solo-Spielregel unter dem Markenzeichen „Automa“ mit, diverse Solo- und Extrakarten und eine eigene Spielhilfe. Mit acht Seiten genauso umfangreich wie das Grundspiel für 2 bis 5 Spieler. Da steckt eine Menge Spiel in dieser kleinen Schachtel. Klingt zu gut? Eventuell ja, aber lasst den Hypetrain lieber an Euch vorbeituckern und spielt Hero Story selbst an. Schon am ersten Maiwochende 2026 habt Ihr dazu die Gelegenheit auf dem SpieleWahnsinn in Herne.

Direkt beim Verlag spielen: Spiel DOCH! bis SpieleWahnsinn

Von: ravn
23. April 2026 um 22:22

Umgeben von Spiele-Neuheiten des aktuellen Jahrgangs. Direkt verfügbar mitsamt Erklärung, die Ihr entspannt und ohne Eigenleistung lauschen könnt. Anspielen, ausprobieren und sich begeistern lassen, sofern es denn für Euch passt. Wer mag, kann das Spiel direkt erwerben, mit nach Hause tragen und immer wieder neu erleben. Wenn nicht, dann wartet wenige Meter weiter schon die nächste Verlockung. Willkommen in der Welt der regionalen Spiele-Veranstaltungen.

Der Frühling und besonders die Monate April und Mai meinen es gut mit uns Spielern. Zumindest denjenigen, die im Einzugsbereich und der Pendelreichweite von Dortmund und Herne zu Hause sind. Ich bin da mittendrin und koste es voll aus, denn im Schmelztopf des Ruhrpotts braut sich die kommenden Wochenenden etwas zusammen.

Los geht es mit der Spiel DOCH! 2026 in Dortmund vom 24. bis 26. April in der Westfalenhalle 4 und dem Eingang Nord. Ab 10 Uhr geht es los und Frühaufsteher solltet Ihr auch sein, denn auf 8.300 Quadratmetern tummeln sich 291 angekündigte Spiele, die auf Euch warten, ausgetestet oder auch gekauft zu werden. Das entspannte Spielen für Familien und Enthusiasten sowie die Vielfalt der Brettspielbranche steht dort weiterhin im Zentrum. Wer sich an den Verlagsständen satt gespielt haben sollte, kann sich zudem auf eine erneute Vergrößerung der Spielfläche und der kostenfreien Spielausleihe freuen.

Nur ein Wochenende weiter vom 01. bis 03. Mai steht dann der 43. SpieleWahnsinn in Herne an. Im Kulturzentrum tummeln sich rund 50 Verlage und Aussteller von Abacusspiele bis Würfel-Meister auf einer Ebene, die Unwissende allzu schnell von der reinen Fläche unterschätzen könnten. Ich selbst habe dort schon etliche Jahre die volle Zeit an allen drei Veranstaltungstagen vor Ort verbracht und von Stand zu Stand allerlei Neuheiten entdeckt und angespielt. Gerade die entspannte Atmosphäre macht dieses Brettspiel-Event zu einem meiner Höhepunkte des Spielejahres. Das solltet Ihr Euch nicht entgehen lassen.

Ich bin dabei. Ihr auch? Ja warum eigentlich? Weil ich auf der SPIEL in Essen zwar weiterhin gerne unterwegs bin, um dort den Rummel der internationalen Branche und die volle Reizüberflutung nach vier Messetagen plus einen weiteren Tag auf der Pressekonferenz und Neuheitenschau zu feiern. Das werde ich mir niemals nehmen lassen. Auch wenn sich die Messe immer mehr in Richtung Verkaufsveranstaltung wandelt und die Chance auf einen freien Spieletisch eher zum Glücksspiel und Geduldsprobe zugleich wird.

Entspannung ist wo anders und genau die finde ich im Frühling auf der Spiel DOCH! in Dortmund und auf dem SpieleWahnsinn in Herne. Ein Angebot, das gerade so groß ist, um mich nicht völlig zu überfordern und ausreichend Platz bietet, um die ganzen Frühjahrs-Neuheiten kennenzulernen und all das, was ich auf der SPIEL oder auch in dessen Nachgang in meinen diversen Spielrunden verpasst habe. Gibt da noch ein paar ganz heiße Kandidaten auf das Spiel des Jahres, aber dazu später mehr im Nachgang.

Genau deshalb bin ich mindestens am Freitag auf der Spiel DOCH! in Dortmund dabei und der Sonntag auf dem SpieleWahnsinn ist ebenso fest gebucht. Mal sehen, ob es wirklich nur dabei bleibt – es gibt ja so viel vor Ort zu spielen und später davon hier auf brettspieltag.de Euch davon zu erzählen. Sprecht mich da gerne an, sofern ich nicht mitten in eine Erklärung oder Spielpartie vertieft bin. Wir sehen uns!

Thematisch abstrakte Eleganz: Beyond the Sun

Von: ravn
20. April 2026 um 23:43

Gute Spiele brauchen kein komplexes Regelwerk. Die besten Spiele begnügen sich mit der Essenz dessen, was Spielspaß ausmacht. Das Kennerspiel vom Autor Dennis K. Chan lässt uns zudem die Wahl, den Fortgang für alle Mitspieler am Tisch selbst zu gestalten, indem wir unseren Technologie-Baum der Aktionsmöglichkeiten gemeinsam gestalten. So ist jede Partie anders und immer wieder neu herausfordernd. Genau deshalb eines meiner absoluten Lieblingsspiele, das ich erst letztens in entspannter Dreierrunde erneut erleben konnte.

Beyond the Sun ist anders und auch deshalb besonders. Abgesehen vom schönen, wenn auch unaufgeregt illustrierten Cover aus der Feder von Franz Vohwinkel, wirkt dieses Kennerspiel im Science Fiction Setting eher bieder. Spätestens wenn der Spielplan mit seinen gräulich dominanten Einsetzfeldern auf dem Tisch liegt, stellt sich für mich nicht mehr die Frage, warum sich ein Meister seines Faches nur auf der Spieleschachtel austoben durfte. Denn wer Beyond the Sun schon mal gespielt hat, kennt die Antwort und lächelt wissend. Weil genau so muss es sein, denn alles mehr an Farbe und verschnörkelten Details wäre nur eine Ablenkung vom Wesentlichen. Deshalb braucht es für Erstspieler ein wenig Vertrauen und Überzeugungsarbeit, denn niedliche Tierillustrationen in flippigen Raumanzügen und ausmodellierte Holz-Meeple sucht Ihr hier vergebens – und das ist ganz genau gut so. Besser hätte es kaum sein können.

Beyond the Sun verlässt sich in seiner schon fast abstrakten Eleganz auf seine inneren spielmechanischen Werte. Wir haben nur einen einzigen Worker und werden im ganzen Spiel keinen einzigen mehr bekommen können. In unserem Zug wechseln wir das Einsatzfeld, führen dort die Aktion aus, produzieren anschließend eine von zwei Rohstoffsorten oder nutzen die dritte Option des kaum genutzten Rohstofftausches. Dabei haben wir Erz, Menschen und Raumschiffe. Mehr braucht es nicht. Dargestellt durch kleine schwarze Plastikbrocken oder einen W6-Würfel, der je nach oben liegenden Seite eine Lagerkiste, einen Menschen oder ein Raumschiff in Stärke 1 bis 4 darstellt. Dazu ein paar Holzscheiben mit universellem Sternaufdruck, Zahnrad- oder Pflanzensymbol. Reduzierter geht es kaum und genau deshalb spielt sich für mich Beyond the Sun so haptisch gradlinig schön.

Dabei ist jeder Partie völlig anders. Denn fernab der Basisaktionen und vier ausliegenden Forschungskarten der Stufe 1, die sich nur in der Anordnung von Partie zu Partie ändern, obliegt es an uns Spielern selbst, welche weitere Aktionen wir uns selbst und unseren lieben Mitspielern ermöglichen wollen. Dazu erforschen wir den Technologiebaum und brauchen dafür mindestens eine Arbeiter-Einsetz-Aktion und einen Menschen, der zum Wissenschaftler wird. Später wird noch Erz sowie mehr Personal für diese Forschungszwecke benötigt. Alles stets begrenzt und auf der Basis eines Wettlaufs um Punkte in diversen Kategorien, die am Spielende abgerechnet werden. Denn das Spielende läuten wir selbst ein, was uns erlaubt, bewusst epische lange Partien oder auch ebenso bewusst kurze Geschichten zu schreiben, wie wir die Zukunft der Galaxis im Wettstreit mit unseren Mitspielern formen. Und zwar so, dass wir am Ende mehr Punkte einfahren und das nach intensiv-flotten 120 Minuten.

Vier Forschungsrichtungen für neue Aktionen haben wir zur Auswahl. Eine davon spielt sich konfrontativ kriegerisch auf dem Weltraumspielplan um Mehrheiten, Kontrolle und Kolonien auf fremden Planeten. Eine andere lässt hingegen die Wirtschaft aufblühen und schafft neue Möglichkeiten seine Produktionseffizienz zu steigern. Wir haben es dabei in der Hand, welche Optionen wir ermöglichen und welche wir hingegen abwürgen. In meinen weit mehr als 15 Spielpartien habe ich eventuell noch nicht alle der 48 Technologiekarten aktiv im Spiel gesehen, besonders weil nicht garantiert ist, dass alle Technologiestufen überhaupt von uns erforscht und damit freigeschaltet werden. Den Rahmen geben wir vor und selbst wer sich selbst nicht an der Erforschung neuer Einsetz-Aktionskarten beteiligen mag, kann trotzdem gewinnen. Diese Freiheit macht Beyond the Sun so außergewöhnlich in seinen Handlungsspielräumen, die keinerlei Kettenzüge und Sonderregeln benötigen.

So hatte ich in meiner letzten Partie mit der Erweiterung „Leaders of the New Dawn“ voll auf Weltraum-Expansion gesetzt. Per zivilen Anführer hatte ich mir einen zusätzlichen Erzbonus verschafft, den ich per militärischen Anführer in aufgerüstete Raumschiffe investieren konnte, die zudem im Bau nicht an Raumwerften gebunden waren. Dazu passend hatten wir eine Errungenschaftskarte im Spiel, die eine 4er-Stärke an drei Standorten benötigte. So fokussierte ich mich zunächst auf den Bau neuer Raumschiffe, um mich damit auszubreiten und von den Bonuseffekten für Planetenkontrolle zu profitieren. Meine zwei Mitspieler gingen auf Forschung, sodass ich weniger Konkurrenz als erwartet auf dem Expansionsspielplan hatte. Am Ende hatte ich knapp die Nase vorn, musste aber mächtig aufs Tempo drücken, weil zwei Vierer-Technologien in Mitspielerbesitz sind schon arg mächtig. Ich selbst hatte nur die Technologiestufe 1 erforscht, für mehr blieb mir auch keine Zeit. Geht also doch. Dabei kam ich gar nicht dazu, die Sonderfähigkeiten meiner zugelosten Fraktion zu nutzen.

Immer wieder gerne. Beyond the Sun ist ein Spiel, ob mit oder ohne Erweiterung, ob in der lokalisierten Version von Strohmann Games oder im englischsprachigen Original bei Rio Grande Games, das ich immer und jederzeit spielen kann und mag. Ich kann gar nicht mehr nachzählen, wie oft ich es schon erklärt habe. Bisher ist es überall gut bis bestens angekommen. Dabei braucht es keinerlei optische Opulenz, denn die vielen kleinen Geschichten schreibt mein Kopfkino ganz von alleine. Dazu reicht mir schon ein kurzer Kartentitel auf den Forschungskarten. Mehr Firlefanz auf und um den Spielplan wäre zu viel gewesen. Deshalb Gratulation für diese perfekte Reduktion in Optik und Präsentation. Wie man es verschlimmbessern kann, weil die Essenz des Spiels in seiner Besonderheit nicht verstanden wurde, hat dann leider der inoffizielle Nachfolger Beyond the Horizon gezeigt und für mich grob versemmelt. Mehr ist nicht zwingend besser, besonders wenn das Handling von perfekt im Vorgänger zu fragwürdig wird.

Noch ein letztes Wort zur Erweiterung. Die empfinde ich als krass überteuert, es sei denn, Ihr seid Solospieler oder habt Euch noch nicht an den Experten-Fraktionen des Grundspiels satt gespielt. So bleiben davon für mich als spielerischer Mehrwert die Anführerkarten sowie die in der Spielbalance nachgebesserten Forschungskarten übrig. Für rund 28 Euro im Vergleich zu 60 Euro fürs Grundspiel nur was für absolute Fans. Für alle anderen reicht das Grundspiel locker die ersten 20 Partien aus. Und eigentlich könnte ich direkt wieder losspielen – nur sind gerade keine Mitspieler in überzeugbarer Nähe.

Skitter: Ehrlicher Rückblick auf meine Schnipp-Erfahrungen

Von: ravn
17. April 2026 um 00:57

Ich würde Euch gerne voller Euphorie von meinen bisher unzähligen Skitter-Spielpartien erzählen. Dabei kam es ganz anders als von mir erhofft, bis dieses außergewöhnliche Geschicklichkeitsspiel mit bewusst nicht vorhandener Einstiegshürde bei mir auf den Tisch kam. Der Weg dorthin war lang und auch irgendwie selbst verschuldet. Meine eigenen Erstpartien fernab diverser Messe-Veranstaltungen hatten dann ebenso ihren ganz eigenen Verlauf.

Es gibt ganz wenige Spiele, die möchte ich einfach mögen wollen. Genauso erging es mir bei der erfrischend einzigartigen analoge Schnippspiel-Konsole der grundsympathischen Skitter-Macher mit ihrem sympathisches Underdog-Charme. Die haben sich echt getraut, auf dem nicht gerade großen Markt der Geschicklichkeitsspiele im Großformat anzutreten. Ein Markt, der längst von den seriösen Vertretern ihres Genres wie Carrom, Crokinole und Weykick besetzt ist. Wer bitteschön braucht da noch ein weiteres Spiel jenseits der 100-Euro-Marke? Also einen Verkaufspreis, der signalisiert, dass das hier gewiss kein nur nettes Gimmick sein soll – schnell gespielt und genauso schnell wieder vergessen. Das hier will gespielt werden und zwar regelmäßig, damit sich der Kauf auch lohnend anfühlt.

Und genau hier fangen leider meine Luxusprobleme mit Skitter an. Nach der Vorbestellung, der mehrmals verschobenen Lieferung, der Ankunft eines beschädigten Exemplars und dem problemlosen Austausch auf der SPIEL 2025 in Essen, waren meine Erwartungen groß. Eventuell übergroß. Erwartungen, die sich nur in gespielten Partien einlösen ließen. Tja, und hier bin ich ganz ehrlich mit Euch. Skitter kam erst im April 2026 auf den Tisch. Für genau zwei Partien. Davor ergab sich bei mir schlicht nicht die Gelegenheit und auch nicht die rechte Motivation, dieses reine Zwei-Personen-Soiel einfach mal ausgiebig in der gespielten Praxis zu erleben. Entweder weil alle meine Spielrunden größer waren oder ich genau wusste, dass potenzielle Mitspieler mit Schnippspielen mal so gar nichts hätten anfangen können. Also habe ich mir Skitter für einen Moment aufbewahrt, der von Woche zu Woche einfach nicht kommen wollte.

Ich hatte Skitter sogar zur zehntägigen Brettspielfreizeit nach Bad Holzhausen mit. Zusätzlich zu meinem Crokinole-Board. Das wurde bespielt, aber für Skitter hat sich so recht niemand interessiert. Warum eigentlich nicht? Wohl, weil es ausreichend andere Spiele gab und ich Spielpartien von mir auch nicht forciert habe. Es gab eben ausreichend Alternativen. Mein Skitter wird mir schon nicht weglaufen, so dachte ich und redete es mir ein. Oder habe ich mich doch eher vor Skitter weggeduckt, weil ich befürchtete, dass es nicht meine erhofften Erwartungen erfüllen wird?

Im Oktober 2024 schrieb ich und da war die Auslieferung noch etliche Monate entfernt: „Im Gegensatz zu Crokinole, bei dem ich meist gezielt die Scheiben meines Mitspielers anvisiere, ziele ich bei Skitter stets auf die Farbfelder im Sektor des Gegners. Während sich meine Anspielziele bei Crokinole somit frei über die komplette Spielfläche verteilen und dementsprechend jeder Spielzug anders ist, bewegt sich Skitter in engere Grenzen. Es wird stets aus dem eigenen Halbkreis geskittet und das Ziel ist stets eines der drei magnetischen Farbfelder auf der anderen Spielbrettseite. Dort sammeln sich die eigenen Scheiben und sollten nur angedockt statt weggeschossen werden. Eine Herausforderung für sich, aber im Direktvergleich zu Crokinole scheint die Varianz der Spielzüge geringer. Ob das als Nachteil oder gar Vorteil zu werten ist, weil sich schneller Erfolge einstellen, kann ich mit meiner zu geringen Spielerfahrung von einer einzigen Messe-Partie noch nicht beurteilen.“

Derweil habe ich mir ein Herz genommen und meine ersten Skitter-Partien dann doch forciert. Einfach zum Spieletreff mitgenommen und bevor unsere Runde komplett war, es auf den Tisch gebracht. Was folgte, das waren gemischte Gefühle, die schwierig zu greifen sind. Euphorie war es nicht. Wirklicher Spielspaß eher auf wenige Schnipp-Aktionen begrenzt. Unsere Spielpartie nach den klassischen Originalegeln dauerte etwas länger, als ich zunächst dachte, da wir uns recht oft gegenseitig eine aufgebaute Base wieder zerstörten, bevor wir punkten konnten. Ab und zu kam dann auch Spannung auf. Immer dann, wenn Gefahr auf mehreren Farbfeldern drohte und die Herausforderung stieg, jetzt zwingend dagegenhalten zu müssen. In Summe ein ok bis gutes Erlebnis, nur eben ohne die Echtzeit-Action eines Klask oder der taktischen Tiefe eines Crokinole.

Dafür war allerdings der Spieleinstieg supereinfach und deshalb belohnend. Mit dem Zeigefinger schieben, das kann wohl jeder. Nach wenigen Spielzügen entwickelt sich auch ein Gefühl, wie unterschiedlich man mit seiner Impulskraft umgehen kann und was das dann auf dem Skitter-Board bewirkt. Damit ein klarer Punktsieg für Skitter gegen Crokinole. Denn Frustmomente habe ich bei Skitter keine miterlebt im Gegensatz zu Crokinole. Also das ideale Einsteiger-Geschicklichkeitsspiel für alle, die nicht erst groß trainieren wollen, bevor sich reproduzierbare Erfolgserlebnisse einstellen. Das gefällt mir an Skitter.

Die Varianz unserer Spielzüge war allerdings nicht wirklich groß. Entweder direkt aufs gegnerische Farbziel oder über Bande anvisiert. Dabei zeigte sich, dass das Skitter-Board nicht wirklich breit ist und somit zwischen den Kork-Bumpern und den Big-Skitts in der Minus-Mitte wenig Platz bleibt. Manch einer unserer Skitts blieb auch dort hängen, wenn wir zu viel wollten. Somit wirkt dieses Spielelement und hat Einfluss aufs Spiel. Auch das finde ich gut, weil damit gedankenloses Geschiebe ein Riegel vorgeschoben wird. Ein wenig Fingergeschicklichkeit gehört dann doch dazu, ohne aber Erstspieler zu überfordern. Ob mit mehr Spielerfahrung auch mehr unterschiedliche Spielzüge möglich sind, an die wir spontan noch nicht gedacht haben, weiß ich schlicht nicht. Dazu muss Skitter aber erst einmal öfters von mir gespielt werden. Bevorzugt in Runden, die sich potenziell ebenso dafür begeistern könnten.

Vom Spielmaterial habe ich nach dem Board-Austausch und mit dem Satz beklebter Ersatz-Scheiben keinerlei Probleme. Ersatz-Scheiben deshalb, weil mein Erstversuch des doppelseitigen Beklebens durch meine ungünstige Nachjustieren-Methode, ohne die eine Klebeseite zunächst antrocknen zu lassen, den Kleber über die Scheibenränder gedrückt hat und die sich dadurch schlicht klebrig anfühlten. Das hat sich über die Monate der Lagerung von alleine gelöst und war in meinen Spielpartien kein Thema mehr. Leider ist bei dem Board-Austausch der Klebebogen verloren gegangen, sodass mir die kleinen mittleren Klebepunkte fehlen. Aber bisher habe ich die nicht vermisst, auch weil ich noch keine der Varianten ausprobiert habe. Im Zweifel frage ich bei den Skitter-Machern einfach nach. Weil deren Kundenservice wirklich ausgezeichnet war.

Wie sieht nun meine Skitter-Zukunft aus? Direkt nach den Spielpartien, wobei die zweite dann gegen eine andere Mitspielerin war, die das allgemeine „ok“ bestätigte, aber ebenso nicht vom Hocker gerissen war, hatte ich den Verkauf meines Skitter-Exemplars in Betracht gezogen. Ich hatte mir eben mehr Spieleuphorie erhofft. Aber so ein Verkauf wäre arg vorschnell. Ich möchte und werde Skitter noch weitere Chancen geben, sich beweisen zu können. Weil ich möchte es gerne mehr mögen wollen, als es aktuell bei mir der Fall ist.

Somit ist meine Skitter-Zukunft in alle Richtungen offen und Euch empfehle ich deshalb, diese erfrischend einzigartige analoge Schnippspiel-Konsole am besten auf einer Spielemesse mal auszuprobieren. Zum Beispiel auf der Spiel DOCH! 2026 in Dortmund am Stand F39. Oder Ihr fordert mich zu einer Spielpartie heraus – mit Vorabinfo bringe ich Skitter gerne zu den Treffs mit, auf denen ich so unterwegs bin von Holzbüttgen über Bottrop bis Bochum und Hemer, Iserlohn und Wetter.

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