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Kein gewöhnliches Alea Eurogame: Moon Colony Bloodbath

Von: ravn
08. Juni 2026 um 18:21

Alea-Spiele mit internationalem Titel sind spätestens seit The Druids of Edora keine Besonderheit mehr. Hier wurde sogar auf die Erklärspalte der Anleitung verzichtet und das zugrunde liegende Thema hätte ich eher nicht beim eher biederen Ravensberger Mutterhaus vermutet. Dahinter steht der Dominion-Erfinder, der hier ganz viel fernab sämtlicher Eurogame-Konventionen wagen kann – mit Erfolg.

Willkommen in der Mondkolonie. Genießt den schönen Ausblick auf die Erde, vergnügt Euch in traumhaften Mondstädten unter sicheren Kuppelbauten und werdet von fabelhaften Robotern umsorgt. Nur irgendetwas scheint hier nicht ganz zu stimmen, auch wenn es anfangs wie eine kommerzielle Utopie wirkt. Schön soll unsere Kolonie werden und dafür bauen wir die im Wettstreit mit unseren Mitspielern sorgsam auf. Krisensicher soll unsere Kolonie ebenso sein, dann alsbald häufen sich diverse Zwischenfälle bis zum absoluten Kollaps. Der Untergang ist nicht mehr aufzuhalten, nur noch so weit zu verzögern, bis es einen von uns zerreißt, weil eine Kolonie vollständig dezimiert wurde. Hoffentlich die eines Mitspielers, denn damit wahren wir uns die eigenen Chancen auf den Spielsieg. Denn einer verliert und läutet das Spielende ein, während der Spieler mit den meisten Mondkolonisten triumphieren darf.

Der Erfolgsautor Donald X. Vaccarino hat Moon Colony Bloodbath in Szene gesetzt und Franz Vohwinkel hat die Illustrationen und das grafische Design beigesteuert. Was sollte da schon schiefgehen? Von Verlagsseite mal so gar nichts, auch wenn der Lagerbestand knapp werden droht und das Spiel nicht mehr flächendeckend verfügbar ist. Nicht ohne Grund, denn das satirisch angehauchte Eurogame wurde zum Kennerspiel des Jahres 2026 nominiert und das erzeugt Aufmerksamkeit. Bei einigen erzeugt diese Nominierung auch ein Stirnrunzeln, denn das Thema ist für ein Kulturgut doch eher ungewöhnlich. Die Spiel des Jahres Jury begründet es hingegen so: „Ein redaktionell ausgezeichnet gearbeitetes Spiel, bei dem es keine Wartezeit gibt, weil alle gleichzeitig am Zug sind. Es birgt eine überraschende gesellschaftskritische Tiefe: Wir steuern sehenden Auges in den Abgrund und setzen ruchlos auf eigene Vorteile. Trotzdem stirbt die Hoffnung zuletzt.“

Dem stimme ich zu, wenn ich auch Kritik auf Detailebene habe, die sich in meinen zwei Mitspielpartien durchaus verfestigt hat. Wir spielen zwar zeitgleich, allerdings im Takt. Während bei den Arbeit-Aktionen durch den beiliegenden Aktionsmarker noch klar ist, ob und wer mit seiner Aktion fertig ist, kann bei Entwicklungen, Problemen, Ereignissen und Robotern so einiges aus dem Takt geraten. Denn dabei ist eben nicht klar, ob jeder schon seine Mondbevölkerung um 7 reduziert hat oder eben noch nicht, weil nicht nur Marker abgegeben werden müssen, sondern auch ein Gebäude abgerissen wird. Die einen am Tisch sind schon längst fertig und wollen flott weiterspielen und schon die nächste Karte des Stapels aufdecken, während die anderen Mitspieler noch für sich grübeln, ob zukünftig auf die Kartoffelfarm oder die Organbank verzichtet werden kann. Wie Ihr das für Euch regelt. müsst Ihr selbst finden, sei es durch einen „Daumen hoch“ oder einen Stapel-Aufdecker, der alle Spieler stets im Blick hat.

Die Markerverteilung in 1er und 5er finde ich eher unglücklich, denn seltenst bis nie müsst Ihr genau 5 Geld, Nahrung oder Bewohner abgeben und bekommt diese dazu. Stattdessen wechselt Ihr fröhlich hin und her und versucht, mit vielen Mitspielerfingern die verschütt gegangenen 1er-Marker zu finden. Mein Tipp: Macht zwei Marker-Häufchen pro Typ und trennt auch die 1er von den 5ern. So erspart Ihr Euch das teils nervige Herumgestochere nach Wechselmarkern.

Alles kein Beinbruch und auch keine wirklichen Stolpersteine für ein ansonsten vergnügliches Spiel mit ein wenig Schadenfreude, wenn es bei den Mitspielern mehr rumst und Ihr selbst mit einem blauen Auge davonkommt. So hatte ich in meiner letzten Partie in entspannter Fünferrunde und damit Vollbesetzung durch Kartenglück verursacht, die Chance ergriffen, alle meine Vorteilskarten in Folge in den gemeinsamen Nachziehkartenstapel spielen zu können. Dazu brauchte ich nur ein paar Äpfel im Vorrat und die Arbeiteraktion. Gewonnen habe ich damit doch nicht, bis zum Spielende allerdings immer recht wenig Geld, aber einen dicken Stapel von Karten auf der Hand, die ich nicht verbauen konnte.

Partien können eine scheinbare Schräglage bekommen, ein Garant für den eigenen Erfolg sind solche sich ergebenden Killer-Strategien aber keineswegs, wie selbst erlebt. Wie viel Glück steckt in dem Spiel und wie viel eigener Einfluss ist vorhanden oder werden wir doch nur amüsant gespielt? So oder so erzählt jede Partie ihre ganz eigene Geschichte per Kopfkino. Ihr müsst nur zuhören wollen. Ein wenig Faible fürs präsentierte Science-Fiction-Setting hilft dabei schon enorm.

Moon Colony Bloodbath kennt kaum Wartezeiten und ist zudem in 60 bis spätestens 90 Minuten dann auch wieder vorbei. In komprimierter Form erlebt Ihr den Aufstieg und Fall Eurer Mondkolonie. Mir sind die vielen Zufallsfaktoren dabei egal und eher ein spielerisches Mittel zur Abwechslung in den Partien. Mal läuft es eben gut, weil für einen passend und dann ist die eigene Spielweise so fragil, weil abhängig von der perfekten Kartenreihenfolge, dass es schlicht ein Risiko ist, so zu spielen. Gewiss kein Spiel für reine Eurogame-Optimierer, die alles im Griff und unter Kontrolle haben müssen. Der steigende Kontrollverlust gehört stattdessen mit zum Spielkonzept. Wer das mag, der erlebt hier eine vergnügliche Zeit. Wer nicht, für den gibt aus ausreichend Alternativen auf dem Brettspielmarkt.

So blutig das Spiel im Titel ist, so blutleer und scheinbar harmlos ist die grafische Gestaltung. Wie leicht hätte der Illustrator das Spielgeschehen mit Blutfontänen plastisch zu einem Horrorfilm werden lassen. Stattdessen wird die Gewalt, die Unfälle und der Zynismus dieser Mondkolonie erst auf den zweiten Blick und zwischen den Zeilen ersichtlich. Wer nicht genau hinschaut, kann dabei viele Details und Anspielungen übersehen und sich stattdessen wundern, wo denn bitteschön das versprochene Bad in Blut ist.

Moon Colony Bloodbath polarisiert und genau diese Ecken und Kanten des Spiels gefallen mir, sodass es für mich zur Kennerspiel-Empfehlung wird. Ein ebenso nominiertes Boss Fighters QR ist technisch spektakulärer und ein Rebirth ist sicherlich gefälliger im Spielablauf, aber Moon Colony Bloodbath sticht angenehm aus dem Spielejahrgang hervor. Solltet Ihr gespielt oder mindestens mitgespielt haben.

The Druids of Edora: Eurogame-Liebe erst im zweiten Anlauf

Von: ravn
28. Mai 2026 um 00:31

Es gibt so manche Spiele, die in einer Erstpartie mal so gar nicht zünden. Als langweilig und spannungsarm abgestempelt und mit vielen Fragezeichen auf meiner Stirn, weil Autor und betreuender Redakteur zu den ganz Großen in der Branche gehören. Zudem bei einem Verlag veröffentlicht, der den Qualitätsbegriff für Kennerspiele neu definiert hat in der Vergangenheit. Inzwischen weiß ich für mich, dass ich mich im Ersteindruck mächtig geirrt habe, obwohl wir alles richtig gespielt hatten.

Machen wir uns nichts vor, der Ruhm der Kennerspielmarke des Ravensburger Spieleverlags für anspruchsvolle Strategiespiele ist derweil verblichen und zehrt aus der nostalgisch verklärten Erinnerung. Im Jahr 1999 ging es mit RA und Chinatown los und spätestens mit Puerto Rico und Die Burgen von Burgund wurden zwei zeitlose Klassiker geboren. Alea stand für spielmechanische Qualität und ein Regelwerk, das nicht nur keine Fragen offen ließ, sondern auch die Randspalte mit der eingebauten Kurzregel in die Brettspielwelt einführte. Eine Randspalte gibt es bei The Druids of Edora weiterhin, sofern mich meine Erinnerung nicht trügt, denn online bei Ravensburger ist die Anleitung nicht hinterlegt. Ein Unboxing-Video hat mir schließlich Gewissheit gegeben.

Was allerdings bei The Druids of Edora fehlt, ist das Vertrauen in den deutschsprachigen Markt. Die einzig verfügbare Auflage liegt in sechs Sprachen in einer Spieleschachtel vor. Das sind dann auch sechs entsprechend sprachige eigene Anleitungen und ein Beiheft, das hingegen alle Sprachen bündelt. Reicht mir meine Landessprache aus, habe ich eine ganze Menge an Papiermüll und ein unnötig dickes Beiheft, von dem ich eigentlich nur die erste Seite benötige. Deswegen muss das Spielmaterial auch sprachneutral sein und sich über Icons verständigen, die wir mit Anleitung und Beiheft auswendig lernen und in den ersten Partien dauernd nachschlagen müssen. Ich kann Euch deshalb nur empfehlen, eine der Kurzübersichten aus Spielerhand für jeden Mitspieler auszudrucken, um Euch das Herumreichen und Blättern zu ersparen. Alea-Qualität hatte ich anders in Erinnerung. Auch das hat mir meine Erstpartie verleidet.

Viel Kritik und doch soll es Eurogame-Liebe sein? Wie passt das zusammen? Ganz einfach, denn fernab einer Zweierpartie spielte sich The Druids of Edora angenehm interaktiv, weil so viel mehr auf dem Spielbrett los war. Zwar wird das Brett modular je nach Spielerzahl angepasst, aber im direkten Duell zu Zweit entpuppte sich das als ein freudloses Nebeneinander-Vorbei-Spielen. Dabei lebt der Spannungsbogen von dem Druck, dass die Mitspieler einem Dolmenwertungen und Kultplätze vor der Nase wegschnappen. So in meinen Folgepartien zu viert und danach zu dritt erlebt. Dabei haben wir ganz bewusst auf alle Regelvarianten verzichtet. Das anfängliche Würfelglück entscheidet, welche taktischen Wege es sich lohnt, einzuschlagen. Wer kaum bis wenig hohe Augenzahlen zur Verfügung hat, der wird einen Wettstreit um Kultplätze kaum gewinnen und auch in der Endwertung dort wenig mitzureden haben. Dafür braucht es weitaus weniger Aktionen, um Proviant zu besorgen, und auf der Wissensleiste per Aktionen voranzuschreiten ist auch nicht nötig. Der Fokus kann also gut und gerne auf all die Aktionen liegen, die unabhängig von den Augenzahlen sind.

Das ist auch die Besonderheit von The Druids of Edora, die für mich den eigentlichen Spielreiz im Sammelbecken der Punktesalat-Spiele ausmacht. Vor dem ersten Spielzug gilt es zu analysieren, was diesmal mit den Voraussetzungen des modularen Spielplans mit seinen eventuell verschlungenen oder gradlinigen Wegen möglich ist, wo sich Dolmen gut oder auch weniger gut verbinden lassen und wie die Auslage der eigenen Heilkräuter dabei helfen können. In einer Erstpartie kann das kaum jemand überblicken, weshalb ich Euch mindestens eine zweite Chance empfehle, denn mit dem Wissen, was alles möglich ist und was eben auch nicht, spielt sich The Druids of Edora ganz anders.

Allerdings ist die Herbstveröffentlichung 2025 vom Autor Stefan Feld auch ein Kennerspiel, das keine Spielfehler verzeiht und gnadenlos mit denjenigen ist, die im Proviantverbrauch falsch planen oder sich von den Mitspielern überraschen lassen, weil der sicher geglaubte Kultplatz zum Nachschub tanken plötzlich besetzt ist. Dann heißt es, zwangsweise eine Notaktion auszuführen, die einem im Spiel hält, aber einen erheblichen Tempoverlust bedeutet. Ich weiß, wovon ich schreibe.

Großspurig mit vielen hohen Augenzahlen als letzter Spieler in der Reihenfolge ins Spiel gestartet und ich wollte mal eben, mit wenigen Zügen zwei Dolmenpaare miteinander verbinden und auf dem Weg ein paar Feuerstellen für mich zu erzünden. Hätte auch alles geklappt, wenn ich mich nicht um ein Proviant in meiner Aktionskette verrechnet hätte. Als Aktion der Druiden-Schande hingenommen und am Ende reichte es doch mit Abstand zum Spielsieg. Ich hatte mich vollkommen auf meine hohen Würfel fokussiert, deshalb frühzeitig per Zauber mir das Heilkraut mit Proviantvorteil freigeschaltet und ansonsten meine Wissensleiste auf den maximal möglichen Multiplikator hochgetrieben. Für eigene Menhire und Stelen blieb da kaum Zeit. In der Schlusswertung der Kultplätze konnte ich so in Summe 17 Würfel, Stelen und Menhire erreichen, was mit 4 multipliziert mal eben 68 Punkte ergab. Dazu drei erfüllte Aufträge und 20 Punkte für die dreifach belegte linke Amuletthälfte. Zudem zog ich im Laufe der Partie über diverse Feuerstellen-Punkte fleißig voran. Da passte vieles einfach zusammen.

Im Rückblick habe ich Stefan Feld typisch nur ein Bruchteil der möglichen Aktionen durchgeführt. Für meine nächste mitgespielte Partie wird es sicher ganz anders laufen, weil die Voraussetzungen ganz anders sein werden. Auch genau das macht inzwischen für mich den Widerspielreiz von The Druids of Edora aus. Gerne wieder, auch weil es sich angenehm flott spielen lässt, ich meine Mitspieler im Blick haben sollte, aber vor allem meinen Fokus nicht aus den Augen verlieren sollte und sich das alles zu einem tollen Spannungsbogen formt. Leider steht sich The Druids of Edora redaktionell und von der Ausstattung selbst im Wege, besonders in der Erstpartie mit zu geringer Spieleranzahl. Wer sich trotzdem durchbeißen mag, erlebt eventuell auch so eine positive Überraschung wie ich selbst. Deshalb mein Tipp: Gebt The Druids of Edora nicht zu früh auf.

Moon Colony Bloodbath

26. April 2026 um 11:12

Moon Colony Bloodbath ist ein bemerkenswertes Spiel – und zwar in mehrfacher Hinsicht. Ursprünglich bei Rio Grande Games veröffentlicht, wurde es nun in Deutschland von alea lokalisiert. Ein Vorgehen, mit der Ravensburgers Kennermarke Neuland betritt. Und dann auch noch direkt mit einem Titel, der eher in einer Horrorschocker-Mediathek zu vermuten wäre. Aber auf gar keinen Fall auf einer Schachtel, die in einer Ecke ein blaues Dreieck zeigt (hier auf der Rückseite). Schön, dass die Schwaben in diesem Fall Mut bewiesen haben, denn: Moon Colony Bloodbath ist vor allem ein bemerkenswert gutes Spiel.

Moon Colony Bloodbath
Dr. Brain ist einer von fünf Charakteren, in deren Rolle ich schlüpfen kann.

Das namengebende Blutbad stellt sich als gesellschaftskritische Satire da. Auf den Illustrationen von Franz Vohwinkel versteckt sich kein einziger Tropfen Blut. Die grafische Aufmachung vermittelt mit ihrem Fünfzigerjahre-Retro-Charme eher den Eindruck von Heimeligkeit. Doch die schöne heile Welt, die jeder zu Beginn in seiner Mondkolonie fühlt, trügt. Je mehr wir uns auf Technik und Maschinen verlassen, desto mehr gerät das Mondleben aus den Fugen. „Die Roboter tun das, was wir ihnen gesagt haben. Wir müssen nur etwas präziser sein“, heißt es auf der Karte, die immer wieder neue Fehlfunktionen auslöst. Für unsere Kolonisten tödliche Fehlfunktionen. Was KI und Technikhörigkeit für unsere Zukunft bedeuten? Autor Donald X. Vaccarino hat seine Antwort gefunden.

In Moon Colony Bloodbath werden Bewohner zur Ressource

Mit einem „Jeder nur ein Kreuz“-Humor à la „Monty Python’s Life of Brian“ geben wir uns in Moon Colony Bloodbath unserem Schicksal hin. Ziel ist es, am Ende die meisten Überlebenden in der eigenen Kolonie zu haben. Das Ende tritt ein, sobald es in einer ersten Kolonie alle Bewohner dahingerafft hat. Wächst in den ersten Zügen unsere Bevölkerung noch, sorgt der zentrale Mechanismus doch schon bald dafür, dass die Zahl der Kolonisten sinkt. Plättchen mit einem lächelnden Gesicht werden zur Ressource, die wie Geld oder Nahrung gewonnen oder verbraucht werden.

Moon Colony Bloodbath
Lächelnde Bewohner.

Macht das Spaß? Darf das überhaupt Spaß machen? Zweimal ja. Denn warum sollte schwarzhumorige Gesellschaftskritik nur Literatur oder Filmen vorbehalten sein. In Spielen regt sie ebenfalls zum Nachdenken an. Und eben auch für Galgenhumor, wenn schon wieder fünf Bewohner dem Effizienzroboter zum Opfer fallen. Selbst die in Moon Colony Bloodbath eingebaute Destruktivität vermag es nicht, den Unterhaltungswert zu torpedieren. Schließlich weiß hier jeder im Voraus, was passieren wird und dass er sich dagegenzustemmen hat. Ich werde es den anderen schon zeigen, dass meine Kolonie widerstandsfähiger ist.

Der Ablaufstapel ist Taktgeber bei Moon Colony Bloodbath

Basis von Moon Colony Bloodbath ist der Ablaufstapel, der stetig wächst, Taktgeber ist und immer wieder neu durchgespielt wird. Karte ziehen, Effekt ausführen. Und zwar nicht reihum, sondern jede Karte gilt für alle. Fast jede Karte. Zu Beginn besteht der Stapel vor allem aus den vier Karten „Arbeit“ und zwei „Problem“-Karten. Jede Karte löst etwas aus. Arbeit ist toll. Sie erlaubt jedem, eine Aktion auszuführen. Ich kann Geld oder Nahrung erhalten, neue Gebäudekarten ziehen oder ein Gebäude bauen. Probleme fügen dem Ablaufstapel Ereignisse hinzu. Und die sind ausnahmslos negativ. Bestenfalls fordert „Hunger“ zum Ernähren aus. Andere fügen irre Roboter hinzu oder unterrichten über tödliche Vorkommnisse. Wieder ein Leck? „Offenbar benötigen wir weniger Astronomen und mehr Klempner“, klugscheißt die Karte. Doch wer wird heutzutage noch Handwerker?

Moon Colony Bloodbath
Der Roboter-Butler rafft vier Bewohner dahin. Immerhin serviert er den Überlebenden eine Kiste, die für die Aktivierung von Kartenaktionen genutzt werden kann.

Trost bei aller systemischer Zerstörungskraft gibt der Umstand, dass die negativen Effekte stets alle treffen. Wie bekämpfen uns nicht gegenseitig, sondern müssen uns individuell den unvermeidlichen Ereignissen stellen. Wir stöhnen gemeinsam ob der fiesen Roboter, wir bejubeln gemeinsam die Arbeitseinsätze, die mit zunehmender Dauer immer seltener stattfinden. Dabei würden wir doch so gerne viel häufiger arbeiten. Denn nur das gibt uns die Chance, Geld auszugeben, um Gebäude zu errichten. Gebäude, die neue Bewohner beherbergen oder mich persönliche Vorteilskarten dem Stapel zufügen lassen. Gebäude, die Basisaktionen ergänzen und verstärken sowie dauerhafte Fähigkeiten freischalten. Schlichtweg: Gebäude, durch die sich meine Mondkolonie von denen der anderen unterscheidet.

Gebäude errichten, Gebäude abreißen

Welche Gebäudekarten ich auf die Hand erhalte, ist vom Zufall abhängig. Was ich daraus mache, entscheidet über den Spielverlauf. Jedoch sind die Gebäude nicht von Dauer. Gehen mir die Bewohnerplättchen aus, muss ich ein Gebäude abreißen, um die darin beherbergten Bewohner in physischer Form zu bekommen (und mindestens teilweise direkt zu verlieren); bis zu diesem Zeitpunkt waren sie quasi nur virtuell Mitglieder der Kolonie. Klar, dass damit auch die Gebäudefunktion verloren geht. Eine anfangs prosperierende Mondsiedlung verfällt – und das in zunehmenden Tempo. Wer hält am längsten aus?

Moon Colony Bloodbath
Eine Auswahl an Gebäudekarten.

Da wir stets gleichzeitig unsere Aktionen ausführen, kommt kaum Wartezeit auf. Jedoch agiere ich dadurch auf meine eigene Auslage fokussiert. Was nebenan passiert, nehme ich nur peripher wahr. Im Blick habe ich womöglich die Zahl der gegnerischen Bewohnerplättchen, um ein Gefühl über den aktuellen Stand zu erlangen. Das reicht mir aber auch. Das Szenario packt mich so sehr, dass ich jeder Karte im Ablaufstapel entgegenfiebere. In meinem Kopf ploppen Pläne auf und Pläne platzen wieder. Die Dichte an Aktionen, Ereignissen, Katastrophen ist so hoch, dass mich meine Kolonie allein genug fordert.

Unterschiedliche Twists bei Moon Colony Bloodbath

Und dieses Gefühl ebbt auch nicht ab. Obgleich die Karten des Ereignisstapels stets in derselben Reihenfolge in Spiel kommen, entwickelt sich jede Partie anders. Weil ich neue Gebäude ausprobiere. Weil die gezogenen Roboter-Karten variieren. Und weil es viele unterschiedliche Twist-Karten gibt, von denen zwei von Beginn an in den Ablaufstapel gemischt werden, die besondere Aktionen ermöglichen. Wer das bedenkt und darauf spielt, nutzt die Twists zum eigenen Vorteil. Quasi als Bonusaktion, um das Leben auf dem Mond zu verlängern.

Moon Colony Bloodbath
Nahrung sammele ich, um meine Kolonie vor Hunger zu bewahren.

Möge den Astronauten realer Missionen mehr Erfolg beschieden sein als uns. Und mögen sie mitunter ebenso viel Spaß haben wie ich bei einer Partie Moon Colony Bloodbath!

Moon Colony Bloodbath | alea | Donald X. Vaccarino | 1 bis 5 Personen | ab 14 Jahren | 45 Minuten | Spielanleitung | Meine Einschätzung: ★★★★☆ (stark)

Rückkehr nach Puerto Rico: Plantagenbesitzer & Sklavenhändler

Von: ravn
07. Februar 2026 um 00:52

Spieleklassiker leben ewig, auch wenn das Brettspiel aus dem Hause Alea einen Teil der Geschichte aufgreift, die dunkler nicht sein könnte. In der Erstauflage einfach nur ein Thema, um die Mechanismen zu tragen, dabei arg verharmlost abstrakt dargestellt, sodass alle grausamen Details bequem ausgeblendet werden können. Später ein Stolperstein, der uns nachdenken lassen kann, was wir da eigentlich spielerisch erleben. Nach Jahrzehnten mal wieder gespielt und dabei weiterhin erstaunlich elegant spielenswert.

Puerto Rico Autor Andreas Seyfarth hat im Jahr 2002 einen zeitlosen Klassiker erschaffen. Ein Strategiespiel, welches nach Die Siedler von Catan ein weiteres Kapitel der Brettpiel-Neuzeit aufgeschlagen hat. Ein Meilenstein des Eurogames-Genres, das lange Zeit die BoardGameGeek-Weltrangliste auf Platz 1 angeführt hat. Ein Spiel, das den Mechanismus der Rollenwahl geprägt und bekannt gemacht hat. Allerdings nicht erfunden, denn das darf Marcel-André Casasola Merkle mit seinem Kartenspiel Verräter für sich verbuchen. In Puerto Rico dann perfektioniert und verfeinert und deshalb oft als Referenz genannt.

Als reihum wechselnder Gouverneur bestimmen wir das Schicksal des karibischen Inselstaats. Durch den überlegt klugen Einsatz von Rollen wie Siedler, Baumeister, Kapitän oder auch Goldsucher errichten wir Plantagen, lassen Waren produzieren, um diese gewinnbringend zu verkaufen oder zu verschiffen. So mehren wir in einem Aufbau-Spagat aus Geld und Siegpunkte unseren Reichtum, bauen Gebäude mit Sondereffekten und bestimmen in der Spielrunde selbst den Zeitpunkt der Endabrechnung. Vieles davon war damals neu. Vieles davon war erstmals gesehen, so elegant miteinander verknüpft. Dazu gestellte sich auf der positiven Seite auch eine erwähnenswert gute Anleitung mit Kurzerklär-Spalte zum schnellen Nachschlagen des Ablaufs und der wichtigen Details.

Gab es überhaupt negativ anzumerkende Punkte bei Puerto Rico? Eigentlich war jeder von dem Spiel begeistert, so zumindest in meiner verklärten und verschwommenen Erinnerung an den Klassiker. Im Jahr 2002 zum Spiel des Jahres nominiert, aber dann doch dem Bauspiel Villa Paletti von Zoch unterlegen. Es sollte noch ein Jahrzehnt dauern, bis mit der Auszeichnung des Kennerspiels des Jahres auch abendfüllende Spiele erneut ihre eigene Chance bekamen. Die Zeiten nach Tikal und Torres verlangten eben nach verdaulicherer Spielekost, in denen die Massen einfach darauf losspielen konnten, die damals von der Jury als auszeichnungswürdig auserkoren wurde. Puerto Rico war somit die kleine Stufe, die wir alle als Brettspielfans erklommen wollten, sofern wir das Hobby im Fahrwasser von Die Siedler von Catan nach unserer Kindheit mit Mühle bis Monopoly neu für uns entdeckt hatten. Somit wurde Puerto Rico zum Wegbereiter für alles, was danach noch kommen sollte, und sich wie Twilight Imperium 3rd Edition auf den Klassiker berufen hat.

Ein kleiner Stolperer legte Puerto Rico dennoch hin. Als hinterfragt wurde, warum die seltsam unbenannten Kolonisten durch braune Spielsteine repräsentiert worden sind. Und warum Puerto Rico als Brettspiel nicht auf die geschichtlichen Ereignisse des Themas eingegangen ist, welche die Mechanismen zusammenhalten und greifbarer machen. Ich erinnere mich noch an einen großen Artikel in der spielbox dazu. Ob das alles übertrieben oder dem Zeitgeist der oberflächlichen kulturellen Sensibilität geschuldet war, sollte jeder für sich entscheiden. Wenn man sich allerdings über politische Korrektheit ereifert und zeitgleich von der Ausbeutung schulterzuckend profitiert, ist das für mich eine Doppelmoral, die oft nur durch geschickte Verdrängung zu ertragen ist. Es kann eben kein richtiges Leben im Falschen geben!

Auf der anderen Seite sollten sich Brettspiele ebenso nicht scheuen, auch unangenehme Themen anzusprechen. Nur dann bitte in einen erklärenden Kontext gerückt und nicht ausgeblendet oder gar verharmlost. Wir sind in Puerto Rico schlicht Plantagenbesitzer und profitieren von Sklavenhändlern. Das war damals so und existiert in anderen Formen auch heute noch, selbst wenn wir noch so bemüht wegschauen. Ich sehe was, was Du nicht sehen willst, aber lass uns doch lieber darüber schweigen am Spieltisch. Schließlich wollen wir doch nur spielen. Pah! Ich persönlich finde es stattdessen immer gut, wenn wir uns Zeit nehmen, über den Tellerrand zu schauen. Nicht aufgeregt dramatisiert aus einer Empörungshaltung, sondern mit dem Ziel eines Verständnisses der Zusammenhänge. Alles zu seiner Zeit, aber die Zeit nehme ich mir gerne. Auch wenn Wegschauen so viel einfacher ist.

Ach ja, eigentlich wollte ich Euch von meiner Rückkehr nach Puerto Rico erzählen und was ich in entspannter Dreierrunde so erlebt habe. Da kamen vorab eine ganze Menge an Nebenschauplätzen zur Niederschrift. Brettspielen ist doch manchmal so viel mehr. Aber zurück zu meiner Partie.

Gegen einen Puerto Rico Erstspieler und eine ebenso wie ich erfahrene Mitspielerin habe ich mich auf den mittleren Platz eingereiht. Ohne große Gebäude mit Punkte für die Endwertung und zwei Baumeister-Aktionen, denen ich aus Geldmangel nicht folgen konnten, war nicht mehr für mich drin. Spaß gemacht hat es mir trotzdem. Weil die Partie für sich spannend war und zudem flott gespielt in der erstaunlichen Eleganz der Mechanismen. Da gibt es keine Schnörkel oder zerdehnte Kettenzüge. Stattdessen ein Takt zwischen eigener Selbstbestimmung als Gouverneur und dem Folgen der Mitspieler-Rollenwahl. Das schafft für mich einen spielenswerten Spannungsbogen und trägt das Spiel bis zum selbstbestimmten Ende.

Deshalb immer gerne wieder, sofern Puerto Rico nicht zur Negativ-Spirale unter Turnierspielern wird, bei dem stets jeder nur die Rolle wählt, die niemals nie einem Mitspieler nützt. Selbst wenn man selbst davon profitieren würde. Aber das ist erneut eine Brettspielgeschichte für einen anderen Tag.

The Druids of Edora: Auf der Suche nach dem Spannungsbogen

Von: ravn
05. Februar 2026 um 02:22

Ein Autor, der sich über Jahrzehnte bewährt hat. Geleitet von einem der renommiertesten Redakteure Deutschlands. Dazu ein Verlag, der für ausgewählte Kennerkost steht. Was soll da bitte schön noch schiefgehen? Leider eine ganze Menge, wie ich in meiner Erstpartie erlebt habe. Kommt mit auf meine Spurensuche nach den Ursachen, die durchaus subjektiv begründet sein könnten.

The Druids of Edora wurde im Oktober 2025 bei Alea veröffentlicht. Ein multilingualer Titel, der mit Anleitungen in sechs Sprachen daherkommt und vom Spielmaterial völlig sprachneutral ist. Für mich ein redaktioneller Fehler, aber dazu später mehr. Stefan Feld hat sich dieses reinrassige Eurogame mit Würfelkomponenten ausgedacht. Aber keine Panik, liebe Würfel-Allergiker, Ihr werdet nur ein einziges Mal und das beim Spielaufbau Eure Würfel werfen und damit Euer Schicksal für diese Partie vorbestimmen. Zu dieser Vorbestimmung gesellt sich noch eine Steintafel, die spielmechanisch einen Auftrag darstellt, und schon wisst Ihr, in welchen Grenzen Ihr agieren könnt.

Stefan Brück hat die redaktionelle Verantwortung für diesen Titel übernommen, der bei mir völlig aus dem Fokus gefallen ist. Im Vorfeld der SPIEL 2025 habe ich schlicht alles dazu übersehen und auch nach der Messe wurde es in meinem Umfeld merkwürdig ruhig um die Alea-Neuheit. Dabei ist Alea doch die Nobelmarke von Ravensburger und selbsterklärt kniffligen Strategiespielen für Erwachsene mit hohem strategischem Anspruch und Wiederspielreiz verpflichtet. Nach meiner angespielten Erstpartie in entspannter Zweierrunde habe ich da bei The Druids of Edora so meine Zweifel. Leider, denn gerne hätte ich einen Nachmittag mit einem Brettspiel verbracht, das mich hätte begeistern können. Erlebt habe ich hingegen das Gegenteil: Vorbestimmte Spielzüge, die sich von selbst ergaben. Eine Iconsprache, die mir den Spieleinstieg unnötig schwer gemacht hat. Fast nur altbekannte und schon zu oft gesehene Mechanismen. Kein wirklicher Spannungsbogen, weil ich mich wie an Strippen gespielt fühlte. Schade, denn von den beiden Stefans hatte ich mehr erwartet.

Oder bin ich gar nicht die Zielgruppe? Die Spielerzahl von zwei eher ungünstig? Die Erstpartie nur zum reinen Kennenlernen gedacht, bevor dann die Varianten zum Standardspiel werden? War es schlicht das falsche Spiel zur falschen Zeit und meine Erwartungen viel zu hoch, die deshalb gar nicht erfüllt werden konnten? Haben wir gar entscheidende Spielfehler gemacht, die alles hier in Zweifel ziehen? Kann alles sein, allerdings kann ich auch nur von dem erzählen, was ich erlebt habe und das, was in Summe leider nur absolutes Mittelmaß ist. Meine einzige Motivation, The Druids of Edora nochmals zu spielen, ist der Unglaube, was ich da erlebt habe, dass es bitte besser sein sollte.

Ok, versuchen wir meine Kritikpunkte einzeln aufzudröseln und Ihr könnt für Euch selbst entscheiden, ob Ihr Euch meine Sichtweise anschließt oder eben auch nicht, was völlig in Ordnung ist. Spielegeschmäcker sind eben verschieden. Redaktionelle Entscheidungen lassen sich hingegen nicht wegdiskutieren, da ist dann nur die Frage, wie gravierend die Ihr für Euch einschätzt. Und nachgeschoben noch ein Vorweg angemerkt: The Druids of Edora ist rein spielmechanisch solide, keineswegs ein schlechtes Spiel. In Schulnoten ausgedrückt eine Drei Minus (3-). Nur reicht das für mich längst nicht mehr aus, um als Spiel relevant zu sein, wenn es so viele bessere Spiele gibt.

Zu Spielbeginn werfen wir unsere 13 Würfel. Die ersten vier davon nutzen wir aktiv in unserem Spielerpool. Die anderen neun Würfel bilden unseren Nachschub, den wir erstmal zur Nutzung freischalten müssen. Meine Mitspielerin hatte durchweg hohe Augenzahlen gewürfelt, ich weitaus niedriger, was sich besonders in diesen ersten vier Würfeln zeigte. Unsere Erwartungen waren, dass niedrige wie auch hohe Augenzahlen ihren Vorteil haben, nur eben an anderen Stellen. Ja, denn niedrige Augenzahlen verbrauchen entsprechend weniger Proviant, sodass dieser länger vorhält und weniger dringend besorgt werden muss. Ansonsten sahen wir nur Nachteile und rieben uns deshalb verwundert die Augen. Denn hohe Augenzahlen schlagen im Wettstreit mit den Mitspielerwürfeln an einem Ort niedrige Werte und bringen Bonus-Prestigepunkte ein, die thematisch umkleidete Siegpunkte sind. Zudem bekommt in der Endabrechnung der jeweilige höchste Würfel an einem Ort einen Sack voll Punkte zugeschoben – je mehr, desto mehr dort vorhanden und gebaut wurde.

Ich fühlte mich mit meinen niedrigen Würfelwerten klar im Nachteil und konnte dem nur ausweichen, weil meine Mitspielerin nicht die direkte Konfrontation suchte und fern meiner eigenen Position startete. So konnte ich den hohen fremden Würfeln zunächst aus dem Weg gehen und erhoffte mir durch diverse Effekte, später meine Würfelwerte doch noch nachträglich zu manipulieren. Wer einmal zu Spielbeginn „gut würfelt“, braucht sich diese Gedanken nicht machen, sondern nur sehen, ausreichend Proviant heranzuschaffen, wozu es ebenso diverse Effekte gibt, die man dann aber auch ergreifen sollte, sofern diese überhaupt in Greifreichweite liegen.

Dann gibt es eine persönliche Sichelleiste, auf der zufällig verteilt diverse Kräuter liegen, die uns diverse Effekte und Vorteile bei Aktionen bieten. Nur entscheidet der Zufall, welche Effekte zuerst und welche erst später freigeschaltet werden können. Manch einen Effekt hätte ich gerne vorab genutzt, konnte ich aber nicht oder nur sehr umständlich empfunden über Alternativwege. Mancher Effekt macht zu Spielbeginn auch mehr spielerischen Sinn als gegen Ende der Partie. Erst durch eine Variante am Ende des Regelheftes wird der Zufall der Kräuterverteilung ausgeglichen. Im Standardspiel muss ich mich hingegen meiner persönlichen Zufallsverteilung ergeben und meine Pläne und Spielweise dem unterordnen.

Kommen wir zu den Spielmechanismen. Es muss ja nicht immer neu sein, wie mir SETI eindrucksvoll gezeigt hat. Die Summe der einzelnen Mechaniken sollte allerdings im Idealfall ein großes Ganzes ergeben und damit einen Spannungsbogen erzeugen und begeistern können. In The Druids of Edora habe ich bis auf eine einzige Ausnahme nur spannungsarme Elemente erlebt. Wir erfüllen Aufträge und sammeln neue davon ein, um unsere weiteren Züge auf diese Ziele zu fokussieren. Schalten zudem durch Ressourcen in Kombination mit Aktionen und dem Voranrücken auf Leisten diverse Fähigkeiten und Bonuseffekte frei. Die werden zwar Kräuter und Zaubertränke genannt, aber spielerisch sind das die in jeder Parte gleichen Dauer- wie auch Einmalvorteile. Wir besuchen Orte und versuchen, Feuerstellen durch Ortsbesuche rundherum zu entzünden. Wir verbinden entfernt auseinanderliegende Spielplanränder, um weitere Siegpunkte einzusammeln.

Da wir nur 13 Orte besuchen können, schränkt das unseren Bewegungsradius ein, die sowieso durch teils verschlungene Wege nicht immer auf dem direktesten Weg erreichen. So hatte ich den Auftrag zufällig zugeteilt bekommen, fünf Steintische einzusammeln. Also mindestens drei farbig passende Dolmen am Spielfeldrand zu verbinden. Dafür brauchte ich einen ständigen Nachschub an freigeschalteten Würfeln und ebenso ausreichend Proviant. Möchte ich einen Tempoverlust und Notfallzüge vermeiden oder zumindest minimieren, die uns einen Würfel und etwas Nahrung bereitstellen, bin ich gezwungen, auf dem Weg von Dolmen zu Dolmen Aktionen mit meinen Würfeln zu belegen, die mir neue Würfel und Proviant einbringen. Für meinen zweiten Auftrag, diesmal selbst gezogen und damit aktiv dafür entschieden, sollte ich sechs Kräuter freischalten, was nur möglich ist, wenn ich meine Sichel-Leiste voranschreite. Also Aktionen mitnehmen, die mir Sichel-Schritte einbringen und im Idealfall dabei noch verstärkende Effekte nutzen, die mich zügiger Kräuter ernten lassen. Nach der Anfangsphase kannte ich somit meine nächsten sechs Aktionen und musste die nur noch wie vorgedacht nachspielen und abspulen. Spannend wäre anders gewesen.

Damit hier nicht nur Kritik steht, auch mal was Positives. Beim paarweisen Kräutersammeln muss ich mich entscheiden, welches Kraut ich für den Rest der Partie verwenden und welches ich ebenso für den Rest der Partie entwerten möchte. Diese schwerwiegende Entscheidung hat mir gefallen. Gerne hätte ich mehr Spielzüge mit solcher echten Relevanz erlebt. Stattdessen fühlte ich mich viel zu oft gespielt, weil es eindeutig beste Züge in der jeweiligen Situation gab, die zudem recht trivial zu finden waren, weil in den zu erfüllenden kurz- und mittelfristigen Anforderungen begründet waren.

Kommen wir abschließend zur redaktionellen Ebene von The Druids of Edora. Verlag oder Redaktion hat sich entschieden, das Spiel in einer multilingualen Version zu veröffentlichen. Deshalb wurde das Spielmaterial frei von jeglichen Texten gestaltet und ausschließlich auf Icons gesetzt. Kann funktionieren, wie in manchen anderen Spielen gesehen, wenn zumindest eine persönliche Spielübersicht beiliegt, in der jeder für sich nachschlagen und die Icon-Sprache verinnerlichen kann. The Druids of Edora lagert die Erklärungen in die sprachspezifische Anleitung und ein zweites Anleitungsheft mit allen Sprachen aus. Für mich war das eine unnötige Hürde. Viel lieber hätte ich unter den Icon-Leisten der Aktionen und Fortschritte wie auch Effekte einen reduziert erklärenden Satz in meiner Muttersprache gelesen. Einfach möglich wäre das bei der Kräuter-Tafel und der Auslage der Zaubertränke gewesen. Gibt es aber nicht.

Double-Layer-Boards werdet Ihr ebenso vergeblich suchen. Stattdessen hat sich Alea für Ausstanzungen in den Spielertableaus entschieden, sodass Euer Spieltisch durch die Löcher lugt. Schön ist anders. Das restliche Spielmaterial wir auch die Holzwürfel wirkten auf mich hingegen wertig und haptisch gut. Die Icons der Feuerstellen hätten hingegen gerne etwas größer gedruckt sein dürfen, es ist doch ausreichend Platz drumherum. In Summe nichts Halbes und auch nichts Ganzes. Deshalb erweckte dieses Alea-Spiel in mir den unguten Eindruck, abgespeckt worden zu sein, um am internationalen Markt mit minimiertem Material bestehen zu können. Für die dafür aufgerufenen rund 50 Euro im Handel erwarte ich allerdings mehr. Mehr von den beiden Stefans und auch von Alea als anspruchsvolle Kennerspiele aus dem Hause Ravensburg.

Können die offiziellen Varianten The Druids of Edora für mich retten? Oder sollte ich es mal lieber in Vollbesetzung spielen? Weiß ich nicht. Ausprobieren würde ich es schon. Allerdings nur bei einem Mitspiel-Exemplar fernab der Zwangsoptimierung mit Denkpausen. Selbst möchte ich bis dahin für eine reine Hoffnung kein Geld ausgeben. Denn dafür gibt es für mich ausreichend viele andere Spiele, die mir im Erstkontakt besser gefallen und mich nicht in Ratlosigkeit zurückgelassen und stattdessen einen perfekten Spannungsbogen geliefert haben.

Unter Schafen 10/25

02. November 2025 um 10:44

Unter Schafen

In dieser Kategorie gibt es Aktuelles der drei Kategorien Mäh! (News), Herde (Neuzugänge) und Grasen (Ersteindrücke). Diesen Monat mit der SPIEL'25, aktuellen Auszeichnungen, The Druids of Edora, Thebai, Pulitzer, Waldland und Star Wars - Battle of Hoth .
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