Wenn die Öko-Tüte zerfällt: Stonemaires Nachhaltigkeitsexperiment und seine Lehren
![]()
Ein Verlag wollte Tüten, die von selbst verschwinden, und scheiterte am Material, nicht an der Absicht: Das Reddit-Foto einer zerfallenen Charterstone-Box ist die späte Quittung für ein Experiment aus dem Jahr 2021.
Am 6. September 2026 postete u/William_Knott auf Reddit ein Foto aus einer Charterstone-Box: keine der kleinen Tüten war ganz geblieben. „I can see why Stonemaier gave up on the environmentally-friendly bags" heißt der Titel des Posts, und er klingt nach frischer Meldung, obwohl die Geschichte drei Jahre alt ist. Der Abschied von den biologisch abbaubaren Beuteln fiel schon Ende 2023. Der späte Post taugt trotzdem als Rückblick, denn er führt zu einem ehrlichen Versuch, einem ungeeigneten Material und einer deutschen Entsorgungsrealität, in der diese Tüten selbst intakt falsch gewesen wären.
Das Versprechen: Tüten, die nicht zerfallen
Begonnen hat die Geschichte im Stonemaier-Blog. In der Reihe „Are Our Games Eco-Friendly?" arbeitete sich der Verlag 2021 durch sein Material. Teil 1 vom 2. September kündigte an, für Aufbewahrung nur noch abbaubaren Kunststoff zu verwenden. Teil 2 vom 8. November machte daraus eine Umstellung: Alle neuen Spiele und alle Wiederauflagen ersetzten ihre Plastikbeutel durch biologisch abbaubare. Die Änderung, heißt es dort, sei „surprisingly expensive" gewesen, also überraschend teuer; darum wurde gleich die Zahl der Beutel reduziert. Über die Haltbarkeit schreibt Jamey Stegmaier im Blog:
"These bags are fully functional - they're not going to disintegrate or get all goopy." [Übersetzung: Diese Beutel sind voll funktional - sie werden sich nicht auflösen oder ganz schmierig werden.]
Genau das trat ein, bloß andersherum. Was in den Beuteln steckt, blieb lange vage: Erst der Begründungsartikel von 2024 lieferte die Materialinfo: Die Beutel seien „typically sourced from corn", stammten also meist aus Mais. Von PLA, dem üblichen Kunststoff aus Stärke, war offiziell nie die Rede. Die ersten Zweifel meldete der Verlag selbst: Am 2. August 2023 räumte Stegmaier im Kommentarfeld des Blogeintrags „Word of Mouth" für Expeditions ein, dass die Beutel „tend to tear at the top", also oben einreißen. Sie seien „a component we've used for a few years" - wann genau die ersten Spiele sie bekamen, ist bis heute undokumentiert.
Der Stopp: Ende 2023, mit Ansage
Zum offenen Bruch kam es im November 2023. Unter dem Blogeintrag über Wingspans Öko-Umbau meldete Kourt Bacon, die Tüten eines frisch gekauften Wingspan seien „tattered beyond use", unbrauchbar zerfetzt. Darauf schreibt Stegmaier am 9. November 2023 auf dem Blog:
"We switched to biodegradable bags for a while, but many of them don't seem to have any durability. The good news is that games (and our lives) are full of plastic bags to use instead, and we've stopped making that type of bag until we can find a better eco-friendly option." [Übersetzung: Wir haben eine Zeit lang biologisch abbaubare Beutel genutzt, aber viele von ihnen scheinen keinerlei Haltbarkeit zu haben. Die gute Nachricht ist, dass Spiele (und unser Leben) voller Plastikbeutel sind, die man stattdessen nehmen kann, und wir haben aufgehört, diese Art Beutel herzustellen, bis wir eine bessere umweltfreundliche Möglichkeit finden.]
Am 3. Dezember 2023 stand dieselbe Erkenntnis als Update im Beitrag selbst: Die Haltbarkeit habe „not been up to our standards", man sei auf „regular plastic bags (but only a necessary quantity)" umgestiegen, also Normalplastik, immerhin in verkleinerter Menge. Der Artikel vom 15. Januar 2024 machte daraus eine Materialdiagnose: maisbasierte Beutel seien „much less durable and much easier to tear, rendering them useless", schlicht unbrauchbar. Auf BGG ergänzte Stegmaier am 10. Juni 2024 die Szene: Die Beutel seien „falling apart way too fast, often before the customer even opened the box"; man suche weiter nach Alternativen.
Die Meldungen rissen danach nicht ab. Seit 2023 berichten Spielende auf BoardGameGeek und Reddit über zerfallende Beutel bei Wingspan, Tapestry, Viticulture: Essential Edition, Rolling Realms und Scythe, oft bei Neuware, nicht nur bei alten Boxen. Auf der Wingspan-Produktseite verwies der Verlag am 1. August 2024 auf den Bestand: „recently switched to normal plastic bags"; als Ersatz tauge, wörtlich, „any spare plastic bag will do just fine". Als ein Nutzer im Juli 2025 die zerfaserten Zip-Beutel seiner Viticulture-Box meldete, antwortet Jamey Stegmaier auf BGG:
"This is common. For about a year we tried using biodegradable bags...and then this started happening. We stopped using them around 2 years ago." [Übersetzung: Das ist üblich. Etwa ein Jahr lang haben wir biologisch abbaubare Beutel genutzt ... und dann fing das an. Wir nutzen sie seit etwa zwei Jahren nicht mehr.]
Als Faktor gilt Feuchtigkeit. Wie unterschiedlich die Beutel überstanden, schreibt eine Kommentierende unter dem Reddit-Post:
"My Charterstone bags held up fine for years, but a friend in a more humid climate opened his copy and they basically crumbled the same way." [Übersetzung: Meine Charterstone-Beutel hielten jahrelang einwandfrei, aber ein Freund in einem Klima mit hoher Luftfeuchtigkeit öffnete sein Exemplar, und sie fielen im Grunde genauso auseinander.]
Ganz öko war auch die Zeit nach dem Stopp nicht: Karten werden seit Dezember 2024 mit Papier umwickelt, und als einziges nicht abbaubares Einwegprodukt, so Stegmaier am 25. Dezember 2024, bleibe die Schrumpffolie außen an der Box. Ob in einer bestimmten Box je Eco-Beutel steckten, hat der Verlag nie dokumentiert. Auch das Charterstone-Foto bleibt damit ein Nutzerbefund, kein Verlagsnachweis.
Der deutsche Dreh: selbst intakte Tüten wären verbrannt worden
Wichtig für die deutsche Debatte: Selbst funktionierende Beutel wären hierzulande im System gescheitert. Das Umweltbundesamt hält fest: Abbaubare Plastikbeutel gehören nicht in die Biotonne, weil Kompostieranlagen sie nicht von normalem Plastik unterscheiden können; sie werden aussortiert und verbrannt. Das Bundesumweltministerium nennt kompostierbare Verpackungen in seiner FAQ keine gute Alternative, denn Kunststoffreste im Kompost ließen sich nicht sicher ausschließen. Die Deutsche Umwelthilfe zeigte im Produktecheck: Als kompostierbar gilt ein Material nach Norm EN 13432 nur unter Idealbedingungen industrieller Kompostierung. Und seit Mai 2025 gilt nach Angaben der Fachagentur Nachwachsende Rohstoffe die aktualisierte Bioabfallverordnung: Enthalten Bioabfälle mehr als ein Prozent Kunststoff, gilt der gewonnene Kompost nicht mehr als verwertbar. Die Öko-Tüte war damit doppelt am falschen Ort: im Regal zu fragil, in der Tonne fehl am Platz.
Solche Zielkonflikte sind kein Stonemaier-Problem allein. Roger Lewin analysierte am 14. August 2026 auf Teilzeithelden die Nachhaltigkeit der Tabletop-Produktion, nannte den Stonemaier-Umstieg ausdrücklich und warnte: „Das FSC-Zeichen auf einem Spiel garantiert nicht, dass jeder Papierbestandteil zertifiziert ist." Seit dem 12. August 2026 ist zudem die EU-Verpackungsverordnung verbindlich. Bemerkenswert bleibt an Stonemaier vor allem die offene Dokumentation: Der eigene Begründungsartikel von 2024 ist offener als viele Nachhaltigkeitsbroschüren der Branche. Massenfertigung, heißt es dort, sei prinzipiell nicht nachhaltig; Öko-Komponenten kosten mehr, ohne dass die Preise stiegen; und eine eigene, von außen ungeprüfte Kundschaftsbefragung habe ergeben, dass über 90 Prozent der Kundschaft grüne Bemühungen honorieren.
Wer heute über Öko-Verpackungen für Spiele entscheidet, muss deshalb zwei Fragen beantworten: Halt das Material ein Spieleleben lang? Und kommt es in den Tonnen der Länder an, in denen die Spiele landen? Die zerfallene Charterstone-Box von 2026 ist weniger eine Spottmeldung als ein Lehrstück über Materialien, die beiden Anforderungen nicht standhielten.
Quellen
- Stonemaier-Blog: Are Our Games Eco-Friendly? Teil 1 - stonemaiergames.com/are-our-games-eco-friendly-part-1 (2021)
- Stonemaier-Blog: Are Our Games Eco-Friendly? Teil 2 - Kernsatz zur Umstellung, Zitat „not going to disintegrate or get all goopy" - stonemaiergames.com/are-our-games-eco-friendly-part-2 (2021)
- Stonemaier-Blog: Are Our Games Eco-Friendly? Teil 3 - Update vom 3.12.2023 zur Rückkehr auf Normalplastik, Kommentare vom 9.11.2023 - stonemaiergames.com/are-our-games-eco-friendly-part-3 (2022/2023)
- Stonemaier-Blog: Word of Mouth - Jameys Kommentar zu den Expeditions-Beuteln vom 2.8.2023 - stonemaiergames.com/word-of-mouth-how-do-you-inspire-the-best-type-of-marketing (2023)
- Stonemaier-Blog: Eco-Friendly Components and a Great User Experience - Are Both Possible? - Begründungsartikel mit maisbasiertem Material und Begründung des Stopps - stonemaiergames.com/eco-friendly-components-and-a-great-user-experience-are-both-possible (2024)
- Stonemaier-Produktseite Wingspan, Kommentare - Verlagsantwort vom 1.8.2024: Wechsel auf normale Plastikbeutel - stonemaiergames.com/games/wingspan/comment-page-83 (2024)
- BoardGameGeek: Thread Packaging of Stonemaier Products - Jameys Kommentar vom 10.6.2024 zu zerfallenden Beuteln und Alternativsuche - boardgamegeek.com/thread/3315397 (2024)
- BoardGameGeek: Thread Bags are Terrible & Cards - Tapestry-Nutzerbericht und Verlagsantwort - boardgamegeek.com/thread/3360676 (2024)
- BoardGameGeek: Thread Plastic zip deteriorating - Viticulture-Bericht, Jameys Antwort vom 28.7.2025 - boardgamegeek.com/thread/3549622 (2025)
- BoardGameGeek: Thread Bags falling apart - aktuelle Nutzerberichte, auch Rolling Realms - boardgamegeek.com/thread/3757825 (2026)
- Reddit r/boardgames: I can see why Stonemaier gave up on the environmentally-friendly bags - Charterstone-Foto und Feuchtigkeits-Kommentar - reddit.com/r/boardgames/comments/1w97enp (2026)
- Teilzeithelden: Nachhaltigkeit im Tabletop - zwischen grünen Gussrahmen und grauen Armeen - Analyse von Roger Lewin mit Stonemaier-Abschnitt - teilzeithelden.de (2026)
- Umweltbundesamt: Biobasierte und biologisch abbaubare Kunststoffe - Biotonne, Aussortierung in Kompostieranlagen - umweltbundesamt.de (Stand 2026)
- Bundesumweltministerium: Sind kompostierbare Verpackungen eine gute Alternative? - FAQ-Antwort - bundesumweltministerium.de (Stand 2026)
- Deutsche Umwelthilfe: Produktecheck Biokunststoffe - Praxisversuch, EN 13432 nur unter Industrie-Kompost-Bedingungen - duh.de (PDF) (2023)
- Fachagentur Nachwachsende Rohstoffe: Kompostierbare Biokunststoffe - Theorie und Praxis - aktualisierte Bioabfallverordnung, Kunststoffgrenze bei einem Prozent - fnr.de (2025)
![]()













