❌

Normale Ansicht

Die überambitionierte Welt

30. November 2025 um 12:30
Kein schöner Start eines Artikels, wenn man mit einem Disclaimer beginnt, aber: Ich habe Vantage trotz Titelbild tatsächlich nicht gespielt. Das wäre blöd, wenn ich eine Rezension schreiben würde, aber zum Glück schreibe ich keine Rezension, sondern einen Blogartikel. Und für den hat Vantage (und die Berichterstattung darüber) den Anstoß gegeben. Vantage ist ein “Multiplayer […]

Verso

30. November 2025 um 11:28
Es gibt Spiele, die haben einfach einen kleinen, aber feinen Dreh. Verso (Alexis Allard & Joan Dufour / Strohmann Games) gehört genau in diese Kategorie. Eine Karte umdrehen und schon ändert sich nicht nur die eigene Auslage. Nein, auch die Pläne der Mitspielenden geraten schnell ins Wanken. 
 
 
 
 
 
 
 
 
Nur ein paar Karten
Ein Stapel aus Karten, jeweils mit einer von 3 unterschiedlichen Farben auf Vorder- und Rückseite,  Zahlenwerten von 1 bis 6 und Siegpunkten. Viel mehr braucht es nicht. Im eigenen Zug wandert die oberste Karte in die eigene Auslage. Bin ich mit der offenen Seite zufrieden, nutze ich diese. Oder aber ich wende die Karte und spiele damit auf Risiko. Gänzlich zufällig ist das Resultat allerdings nicht. Die Rückseite zeigt stets eine andere Farbe und eine benachbarte Zahl. Das ist insbesondere wichtig, weil ich keine 2 gleichen Karten in meiner Auslage haben darf. Ziehe ich eine Doppelte, wandert diese auf den Ablagestapel und der Zug ist verschwendet.
 
 
Zeit, an Punkte zu denken
Über Kurz oder Lang ist meine Auslage zu groß, passende Karten werden zunehmend unwahrscheinlicher. Zeit also, an Punkte zu denken. Anstatt eine weitere Karte zu ziehen, kann ich eine der farbigen Zahlenfolgen werten. Das bringt Punkte, allerdings muss ich zwei der genutzten Karten abwerfen. Da lange Reihen zudem mehr Punkte versprechen, ist an dieser Stelle das Timing entscheidend. Zumal das Werten einen weiteren Effekt hat. Denn meine Sitznachbarn müssen sofort ihre höchste Karte dieser Farbe umdrehen, was ihre Pläne gerne mal zerlegt. Und wem es gelingt, drei Reihen in drei Farben komplett auszufüllen, der bekommt ebenfalls ein paar Punkte. Ist der Nachziehstapel leer, zeigt sich, wer am cleversten gedreht, gesammelt und im richtigen Moment gepunktet hat.
 
Fazit
Verso ist eines dieser Spiele, bei denen die Regeln kaum Raum einnehmen, die Gedanken aber plötzlich um jede kleine Entscheidung kreisen. Das ständige Abwägen zwischen Sicherheit oder Risiko, das richtige Timing beim Werten und die Beobachtung der Mitspielenden erzeugen ein ruhige, aber dauerhafte Spannung. Dabei mischt sich Taktik immer wieder mit einer guten Portion Glück: Welche Karte gezogen wird, ob die Rückseite gerade passt, und ob eine Farbfolge entsteht, hängt wesentlich auch vom Zufall ab. Das kann durchaus zu Frustration am Tisch führen, wenn einfach gar nichts passen will.  Gleichzeitig macht genau dieser Zufall das Spiel aber auch lebendig und verhindert, dass es sich zu verkopft anfühlt. Gleiches gilt für die zwar überschaubare, aber alles andere als unbedeutende Interaktion. Frust und Schadenfreue liegen hier eng beieinander und schlussendlich hebt genau diese Mischung Verso aus der Masse ähnlicher Spiele hervor.
 

 

LETZTENS … die Beeple-Kolumne: Von Spielzügen und Suppenkellen

30. November 2025 um 08:00

Von Spielzügen und Suppenkellen – wie man die Demokratie spielerisch schmackhaft macht.

Jan-Dirk Steffens

Jan-Dirk Steffens

Ich fange diese Kolumne gleich mal mit einem unpopulären Downer an: Die Demokratie ist in Gefahr. Und das immer wieder. Denn Obacht: Demokratie ist keine Option, die einfach so da ist, keine natürliche Tatsache. Demokratie muss gelebt, gelehrt und gefördert sowie von den jeweiligen Generationen immer wieder neu errungen werden. In Haltung und Sprache. In öffentlichen Diskursen. Und schließlich auch am heimischen Spieltisch. Doch wie genau sollen uns die bunten Schachteln, bedruckte Pappe und Holzklötzchen helfen, die Ausgestaltung der Demokratie zu leben und zu üben? Hier sind einige Gedanken zum Gelingen. 

Der Spieltrieb. Ein Motor, der unsere Entwicklung zum Homo sapiens erst so richtig ermöglichte. Schon Huizinga setzte in seinem anthropologischen Erklärungsmodell das Spiel in das Zentrum des menschlichen Seins. Das ist nun sehr kurz gefasst, aber ausgehend von diesem Kerngedanken schauen wir uns mal an, wie unser liebstes Hobby die Demokratie fördern, ja sogar beflügeln kann. 

Zunächst gilt es zu schauen, welche Kompetenzen wir denn brauchen, damit uns das köstliche Gericht der Demokratie gelingt – und hiermit willkommen im Beeple-Kochstudio. Man nehme ein großes Stück Sozialkompetenz, teile dies in Konfliktmanagement, Selbstwirksamkeit und Kooperations- sowie Kommunikationsfähigkeit. Da sich demokratische Systeme stets durch Gleichachtung und Wertschätzung auszeichnen, schmecken wir diesen Brocken noch mit Toleranz und Gleichheit ab. Denn: Am Spieltisch sind, je nach gewähltem Spiel, alle Spieler*innen gleich. Spielen ist auch immer ein In-Kontakt-bleiben, eine Interaktion, in der es gilt, den bitteren Beigeschmack der Frustration auszuhalten, ja, gar auch mal zu unterliegen. 

Wie gehen wir mit Niederlagen um?

Und hier kommen wir zu einer Geheimzutat, die das Spielen und etwaige zunächst negativ konnotierte Themenbereiche entkräften kann. Stichwort: Fehlerkultur. Wie gehen wir mit unseren Niederlagen um? Gehen wir in die Emotion und verlieren uns in heillosem Durcheinander? Das macht das Gericht sauer, das wollen wir nicht. Oder ist jemand anderes schuld an der persönlichen spielerischen Schlappe? Wohl kaum, denn auch Schuldzuweisungen verderben das Gericht. 

Viel spannender (und zuweilen konstruktiver) kann hier eine Analyse sein, ein „Was wäre, wenn …“. Eine gemeinsame Evaluierung der Spielzüge in einer harmonischen Melange eines Wir-Gefühls, das am Spieltisch entsteht. Eine Immersion der Zusammengehörigkeit, die unser soziales Wesen auf mehreren Ebenen anspricht. Und nicht zuletzt auch die Tatsache, einfach einen schönen Abend mit netten Menschen verbracht zu haben. Und das Spiel spricht dabei sämtliche Bereiche an: Ich bin selbstwirksam, wenn ich eigene Entscheidungen im Spiel treffen kann. Ich kommuniziere mit meinen Mitmenschen auf verschiedenste Art und Weise. Das Spektrum geht hier vom (un-)sinnigsten Trashtalk bis hin zu höchst anspruchsvollen Regeldiskussionen. Das schmeckt nicht nur dem Sozialwesen, sondern auch der Frucht der Personalkompetenz. Was da für Hormone ausgeschüttet werden – je nachdem, ob man gewinnt oder verliert: Adrenalin (beim Nervenkitzel und Mitfiebern), Dopamin und/oder Serotonin (beim Gewinnen oder anderen positiven Ereignissen) sorgen nicht nur für eine Achterbahnfahrt der Gefühle, Serotonin wirkt auch entspannend und motivierend. Und das alles im geschützten Rahmen des Spiels. Das alles in einer Runde, in der Einigkeit herrscht über das, was auf dem Tisch passiert. Und so manches Mal, wenn einem eine Regel nicht schmeckt, wird gemeinsam eine Hausregel entworfen. Ganz partizipativ. Miteinander. Um den Spielspaß zu erhalten. Das alles ist Demokratie, das alles sind Kompetenzen, die „mal eben so“ an den Spieltischen dieser Welt gefördert und gefordert werden. 

Geschichte verstehen

Und dann gibt es noch diese Spiele, die Sachkompetenzen vermitteln. Spiele wie Dindex, Weimar oder Friedrich Ebert, die ihren Fokus auf historische Ereignisse und/oder demokratische Prozesse und die Förderung politisch-analytischer Kompetenzen legen. Die klar aufzeigen, was passieren kann. Was bereits passiert ist. Und was wir dafür/dagegen tun können. Somit lernen wir. Wieder. In einem geschützten Rahmen. Wir nehmen Positionen ein, um zu verstehen, wir agieren anders, als wir es im Alltag tun würden. Um zu verstehen. Und all dies wieder – in einem geschützten Rahmen. 

Das Spiel gilt zurecht als immaterielles Kulturerbe, schafft es doch unter anderem, die Menschen auf unterschiedlichen Ebenen zu verbinden. Und nicht zuletzt, und damit kommen wir langsam zur Quintessenz dieser Kolumne, ist da, wo Menschen spielen, ein (zumeist) friedliches Miteinander. Unsere Demokratie ist keine Selbstverständlichkeit. Darum ist es wichtig, diese bunten Schachteln mit dem bedruckten Papier und den Holzklötzchen auch weiterhin zur Förderung demokratischer Prozesse zu nutzen. Dann schmeckt auch die Zukunft. Wieder. Guten Appetit. 

– Jan-Dirk Steffens, Alles außer Toplisten

 

❌