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Lese-Ansicht

The Glasgow Train Robbery

Ferran Renalias und Eloi Pujadas
Salt & Pepper Games
2
14+ Jahre
60-90 Min.
Unsere Wertung:
Mich hat fasziniert, wie detailverliebt und charmant die historische Vorlage in den Ablauf dieses reinen Zwei-Personen-Spiels eingeflochten wurde – bis hin zu den fatalen Fingerabdrücken auf dem Monopoly-Brett. Die beiden Spielrollen sind nicht perfekt ausbalanciert, aber die Atmosphäre des berühmten Postzugraubs kommt für mich erstaunlich gut rüber.

Darum geht’s beim Brettspiel The Glasgow Train Robbery

Schon als Kind haben mich perfekt geplante Zugüberfälle fasziniert. Der legendäre TV-Dreiteiler Die Gentlemen bitten zur Kasse (1966, mit Horst Tappert) lief bei mir damals rauf und runter. Umso neugieriger war ich, als ich von The Glasgow Train Robbery hörte. Das Zwei-Personen-Spiel von Ferran Renalias und Eloi Pujadas versetzt uns direkt in die Nacht des berühmten Postzugraubs vom 8. August 1963. Einer von uns koordiniert den Coup aus dem Versteck heraus, der andere ist draußen an den Gleisen unterwegs. Gemeinsam müssen wir den Zug stoppen, die Beute verladen und wieder verschwinden, bevor uns die Zeit oder die Polizei einen Strich durch die Rechnung macht.

Aufbau und Spielablauf

Eine Partie verläuft über fünf aufeinanderfolgende Aufträge, die den historischen Überfall Schritt für Schritt nacherzählen. Zunächst müssen wir die Signalanlage manipulieren, damit der Postzug überhaupt anhält. Anschließend gilt es, die Lokomotive zu übernehmen, den Zug zur Bridego Bridge umzuleiten und die Geldsäcke in bereitstehende Fahrzeuge umzuladen. Für jede dieser Aufgaben werden bestimmte Werkzeuge benötigt. Diese Tool-Tokens – etwa Seile, Funkgeräte oder Batterien – befinden sich zu Beginn im Versteck und müssen zwischen den Bandenmitgliedern verteilt werden. Während die Person draußen an der Strecke die Figuren über den Spielplan bewegt und die einzelnen Aufträge ausführt, sorgt die Person im Versteck dafür, dass rechtzeitig die passenden Helfer und Ausrüstungsgegenstände bereitstehen.

Das Spiel läuft rundenweise über ausgespielte Handkarten. Sie zeigen entweder Aktionen oder Charaktere der Bande. Aktionskarten ermöglichen unter anderem Bewegung, das Weitergeben von Ausrüstung, Funkkontakt oder das Ausführen spezieller Effekte. Die Charakterkarten bringen eigene Fähigkeiten mit, die oft nur in bestimmten Situationen hilfreich sind. Da beide Spielenden nur einen Teil der verfügbaren Informationen kennen und offene Absprachen kaum möglich sind, entsteht ständig die Frage, welche Karten man jetzt ausspielen sollte und welche man besser für einen späteren Auftrag aufbewahrt. Genau aus diesem Spannungsfeld entwickelt sich der Reiz des Spiels.

Das Versteck auf der Farm: Von hier erfolgt die logistische Planung des Raubs.
Erster Auftrag: Er zeigt, in welchem Abschnitt des Spielplans welche Charaktere mit welchen Tools anwesend sein müssen.

Ständig wandert der Blick zwischen Zugstrecke, Handkarten und den aktuellen Aufgaben hin und her. Das liegt vor allem daran, dass wir kaum miteinander sprechen dürfen. Größere Absprachen sind tabu. Stattdessen bleiben nur wenige Funkaktionen, über die wir einzelne Hinweise weitergeben können. Währenddessen fährt der kleine rote Holzzug unaufhaltsam voran. Wir müssen zur richtigen Zeit am richtigen Ort sein, um bestimmte Aufträge erfüllen zu können.

Oft versucht man aus einer abgelegten Karte oder einer bestimmten Aktion herauszulesen, was die andere Person gerade plant. Das klappt mal erstaunlich gut – und sorgt manchmal für Missverständnisse und eindringliche Blicke meines Gegenübers…

Während eine Person draußen die Bande über die Strecke dirigiert, Signale manipuliert und auf unerwartete Ereignisse reagiert, kümmert sich die andere um die Vorbereitung im Versteck. Dabei werden Ausrüstung und Helfer organisiert, damit später alles möglichst reibungslos läuft. Allerdings fühlen sich die beiden Rollen nicht immer gleich spannend an. Vor allem die Aufgaben im Versteck erinnern zeitweise eher an Verwaltung von Gegenständen als an einen spektakulären Überfall.

Der legendäre Postzugraub von 1963

In den frühen Morgenstunden des 8. August 1963 manipulierte eine fünfzehnköpfige Bande um Bruce Reynolds die Signalanlage an der Bahnstrecke bei Ledburn. Der Postzug von Glasgow nach London stoppte daraufhin an einem Haltesignal. Ohne Schusswaffengebrauch kaperten die Täter die Lok samt Postwagen, fuhren den Zug zur Bridego-Brücke und erbeuteten 2,6 Millionen Pfund Sterling – nach heutigem Wert rund 50 Millionen Pfund. Ihr Versteck auf der Leatherslade Farm wurde ihnen schließlich zum Verhängnis: Ausgerechnet auf einem Monopoly-Spielbrett, mit dem sich die Räuber die Wartezeit vertrieben hatten, sicherte Scotland Yard die entscheidenden Fingerabdrücke. Viele der Posträuber wurden zu langjährigen Haftstrafen verurteilt. Ihrem Ruf als „Gentlemen“-Gangster tat dies keinen Abbruch.

Aus dem Sack werden Werkzeuge nachgezogen, doch Achtung: Auch Fingerabdruck-Tokens können dabei sein…

Achtung vor dem Monopoly-Spiel im Spiel!

Trotzdem gelingt es dem Spiel erstaunlich gut, das Gefühl eines klassischen Heist-Films einzufangen. Anfangs läuft alles noch kontrolliert und ruhig. Doch je näher der Zug seinem Ziel kommt, desto spannender wird es. Plötzlich fehlt genau das richtige Werkzeug oder eine wichtige Aktion wurde zu spät vorbereitet. Dann steigt die Nervosität spürbar an.

Eine besonders nette Idee greift sogar ein Detail des echten Postzugraubs auf: Wer im Versteck zu viel Zeit vertrödelt, spielt Monopoly – und hinterlässt dabei Fingerabdrücke, die später gegen die Bande verwendet werden können.

Der Einstieg ist allerdings nicht ganz ohne. Gerade in den ersten Partien müssen einige Abläufe, Symbole und Sonderregeln verinnerlicht werden. Nach ein oder zwei Runden läuft vieles deutlich flüssiger. Positiv ist dabei, dass sich Niederlagen meist nachvollziehbar anfühlen. Wir hatten selten das Gefühl, vom Spiel unfair ausgebremst zu werden. Stattdessen wussten wir meist ziemlich genau, was beim nächsten Versuch besser laufen muss.

Auch optisch bleibt The Glasgow Train Robbery im Gedächtnis. Der Comicstil wirkt eigenständig und teilweise etwas schrullig, passt aber überraschend gut zum Thema. Gleichzeitig bleiben Spielplan und Karten jederzeit gut lesbar. Bei aller Lieber zum Detail schießt The Glasgow Train Robbery an zwei Stellen übers Ziel hinaus: Warum auch weibliche Charaktere beteiligt sind und warum es tatsächlich Schusswaffen-Token gibt (es kam beim Überfall nur eine Eisenstange zum Einsatz, die den Lokführer verletzten), konnten wir nicht nachvollziehen.

Der Postzug bewegt sich unaufhaltsam auf dem Spielfeld voran.
Schöne Referenz: Sogar das kompromittierende Monopolyspiel mit den Fingerabdrücken der Gangster ist dabei.

Gewonnen haben wir, wenn alle fünf Aufträge rechtzeitig abgeschlossen sind und die Bande mitsamt der Beute wieder sicher im Versteck angekommen ist. Der Zeitdruck ist dabei allgegenwärtig, denn mit jeder Runde rückt der Zug seinem Ziel näher. Verloren ist die Partie sofort, wenn der Zug London erreicht, bevor der Überfall erfolgreich beendet wurde. Darüber hinaus können einzelne Aufträge auch an ihren jeweiligen Bedingungen scheitern, etwa wenn wichtige Personen oder Ausrüstungsgegenstände nicht rechtzeitig am benötigten Ort verfügbar sind. Oder sobald eine Charakterkarte den zweiten Fingerabdruck kassiert! Dadurch bleibt die Spannung bis zum Schluss hoch, weil oft schon ein kleiner Planungsfehler mehrere Züge später zum Scheitern des gesamten Coups führen kann.

Fragen und Antworten

Wie lange dauert eine Partie von The Glasgow Train Robbery?

Eine Partie dauerten bei uns mindestens 60 Minuten. Nach dem ersten Kennenlernen der Symbole gehen die Züge zügig ineinander über, dennoch solltet ihr mehr Spielzeit einplanen, als auf der Verpackung steht!

Für wen eignet sich das Spiel?

Das Spiel richtet sich an zwei kooperierende Personen ab Kennerniveau, die Freude an begrenzter Kommunikation und historischen Heist-Szenarien mitbringen.

Welche Besonderheit prägt die Kommunikation?

Freie Absprachen sind untersagt. Strategische Hinweise dürfen nur punktuell über definierte Funk-Aktionen mit wenigen Schlagworten übermittelt werden.

Mein Fazit nach vielen Testrunden

The Glasgow Train Robbery ist kein typisches Koop-Spiel. Die eingeschränkte Kommunikation sorgt für viele spannende Momente und hebt das Spiel von den üblichen Krisenmanagement-Aufgaben vieler Genrevertreter ab.

Nicht jede Rolle macht dabei gleich viel Spaß, und die Regelerklärung verlangt anfangs etwas Geduld. Wer sich darauf einlässt, bekommt aber ein ungewöhnliches Zweipersonenspiel mit einem starken Thema und einer Atmosphäre, die den berühmten Postzugraub überraschend gut auf den Spieltisch bringt.

Besonders Fans von Heist-Geschichten und kooperativen Spielen, bei denen nicht ständig alles offen besprochen werden darf, sollten einen Blick darauf werfen.

Tatort Bridego-Brücke: Hier müssen wir den fünften und letzten Auftrag erfolgreich meistern, um das Spiel zu gewinnen.

Pro & Contra

Was mir gut gefällt:

  • Atmosphärischer Spannungsbogen und thematische Einbindung top!
  • Originelle Kommunikationsbegrenzung
  • Liebevolle historische Details wie die Monopoly-Fingerabdrücke charmant eingebunden.

Was ich weniger mag:

  • Ungleicher Spielreiz: Koordination fühlt sich zeitweise wie reine Lagerverwaltung an.
  • Lange Einarbeitungszeit und harte Siegbedingungen

Hinweis: Wertungen vergeben wir im Bereich 0 bis 4 Sternen. Spiele mit 0-1,5 Sternen sind sind schlecht, mit 2 bis 2,5 Sternen durchschnittlich. Ab 3 Sternen beginnen die empfehlenswerten Spiele. Nur außergewöhnliche Titel erhalten 4 Sterne („Four-Star Game“).

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