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Published — 22. Mai 2026 Würfelmagier Brettspiel Blog

Downtime ist kein Bug.

Von: Dirk
22. Mai 2026 um 10:36
Lesezeit: 3 Minuten

Downtime. Dieses kleine zusammengesetzte englische Wort reicht manchmal aus, um Spielerunden kollektiv die Augen verdrehen zu lassen. Für manche ist sie scheinbar der Endgegner jedes Spieleabends.

Down heißt übersetzt nicht nur unten, sondern auch abwärts, runter oder nach unten. Wie einst schon Hildegard Knef sang: „Von nun an geht’s bergab“. Und so kommt es mir häufig mit der Downtime vor. Downtime droht und schon geht es bergab mit der Stimmung am Spieleabend.

Für mich ist Downtime aber vor allem der andere Teil des Wortes: Zeit.

Und zwar keine verlorene, sondern nutzbare.

Ich habe nie verstanden, warum Downtime als grundsätzlicher Makel gilt. Wenn andere am Zug sind, sitze ich nicht passiv herum. Ich plane. Ich sortiere Optionen. Ich lese Karten – entweder die in der Hand oder die ausliegenden Karten. Oder ich recherchiere noch mal Regeln. Ich gehe mögliche Züge im Kopf durch. Kurz: Ich spiele — nur eben ohne gerade aktiv etwas auf dem Spielplan zu bewegen.

Strategie entsteht ja nicht erst im eigenen (aktiven) Zug. Sie entsteht gerade zwischen den Zügen der Anderen.

Dieses reflexhafte „Boah, schon wieder voll viel Downtime“ greift mir deshalb zu kurz. Das ist, als würde man sich über Pausen in einer Schachpartie beschweren.

Anspruch braucht Atem

Wer komplexere Spiele wie Brass, Trickerion, Arche Nova, Concordia oder ähnliche auf den Tisch bringt, weiß doch vorher, worauf er sich einlässt. Das sind keine schnellen Füller für zwischendurch. Das sind Spiele mit Tiefe, Verzahnung, vielen Optionen und durchaus relevanten Entscheidungen, die manchmal erst zwei Runden später ihre Konsequenzen entfalten.

Natürlich dauern Züge da länger. Müssen, sollen und dürfen sie auch.

Wer Komplexität will, braucht diese Bedenkzeit. Das ist kein Designfehler — das ist Teil des Pakets.

Solange die Wartezeit aus der Spieltiefe entsteht, habe ich damit überhaupt kein Problem. Im Gegenteil: Genau in diesen Phasen passiert für mich das eigentliche Spiel. Ich baue mir Taktiken und Strategien im Kopf, bewerte Alternativen, wäge ab, passe meine Strategie an neue Situationen an.

Zäh wird es höchstens dann, wenn man selbst erst ernsthaft planen kann, nachdem die Person vor einem fertig ist, weil sich das gesamte Spielfeld noch einmal neu sortiert. Aber auch das ist meist kein Spielerproblem, sondern eine bewusste Designentscheidung. Wenn dann allerdings noch mal sehr komplexe Sachverhalte gegeneinander abgewogen werden müssen, dann haben wir echte Downtime, die ein Spiel zäh werden lässt. Kann man mögen oder lassen — gehört aber zur DNA solcher Titel irgendwie dazu. Gute wenn man dann in einer fundierten Kritik darauf hingewiesen wird und das Spiel so für sich bewerten kann.

Die einzige Downtime, die ich wirklich nicht mag

Was mich allerdings zuverlässig aus dem Flow reißt, ist die selbstgemachte Variante.

Du kennst sie auch.

Menschen, die während fremder Züge am Handy hängen, Nachrichten tippen oder Sprachnachrichten abhören — und dann, wenn sie dran sind, erstmal sichtbar sortieren müssen, wo wir eigentlich gerade stehen.

Das ist keine spielbedingte Downtime.
Das ist Aufmerksamkeits-Timeout.
Das ist das Leiden unserer Zeit.
Und das fühlt sich einfach respektlos an.

Nicht wegen der Zeit — sondern wegen der Haltung. Alle anderen bleiben im Spiel, nur eine Person ist mental woanders. Das ist der Moment, in dem Downtime wirklich nervt. Nicht, weil sie lang ist. Sondern weil sie vermeidbar wäre. Und das Schlimmste dabei: Ich nehme mich da nicht aus. Auch ich schweife manchmal ab. Schieße ein Foto der Spielsituation, mache eine schnelle Insta-Story. Und dennoch versuche ich in meinem Spielzug sofort so präsent zu sein, dass ich keine unnötige Downtime produziere. Klappt leider nicht immer.

Mein Take zur Downtime-Frage

Downtime ist für mich kein Feindbild. Sie ist ein Denkraum. Sie ist der strategische Atemzug zwischen zwei Zügen. Sie gehört zu anspruchsvollen Brettspielen einfach dazu wie Ressourcenmanagement oder Engine Building.

Ich habe null Probleme damit, wenn ein Spiel mir Zeit zum Nachdenken abverlangt. Was ich schwierig finde, ist dieses pauschale Downtime-Bashing, während gleichzeitig das Smartphone mehr Aufmerksamkeit bekommt als das Spiel auf dem Tisch.

Vielleicht sollten wir weniger darüber reden, wie lange jemand braucht —
und mehr darüber, wie präsent wir eigentlich alle sind.

Denn wer mitdenkt, vorbereitet bleibt und im Spiel verankert ist, sorgt dafür, dass selbst längere Wartephasen ihren Sinn behalten – beziehungsweise so kurz wie möglich bleiben.

Und genau dann ist Downtime keine Bremse, sondern Teil eines guten Spieleabends.

Und ihr so? Downtime-Hater oder Downtime-Versteher? Schreibt es mal in die Kommentare …

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Published — 02. Februar 2026 Würfelmagier Brettspiel Blog

Abschied vom Monolithen – willkommen im Fragment

Von: Dirk
02. Februar 2026 um 13:35
Lesezeit: 2 Minuten

Eine Meldung wie ein Donnerschlag. W. Eric Martin verlässt BoardGameGeek.

Fünfzehn Jahre, rund sechstausend Posts, unzählige Morgenroutinen von Brettspielfans weltweit – beendet mit einem ruhigen „Goodbye“.

Wer regelmäßig auf BGG unterwegs war, kennt ihn: Eric war nicht irgendein ein News-Schreiber, er war DIE Konstante. Während Publisher kamen und gingen, Hypes aufflammten und Kickstarter explodierten, lieferte er zuverlässig Kontext. Nicht laut, nicht clickbaitig – sondern sachlich, neugierig, manchmal trocken, oft präzise und immer mit einem Augenzwinkern.

Und jetzt? Neustart. Mit Board Game Beat.

Keine große Plattform mehr im Rücken, kein zentraler News-Hub. Stattdessen: eine eigene Seite, eine eigene Stimme, eigene Themen. Monatsdossiers. Essays. Previews. Audio. Video. Und das dann auch noch ohne Social Media – so zumindest sein aktueller Post.

Das ist mehr als ein persönlicher Karriereschritt – es ist ein aktuelles Symptom unserer Szene.

Vom Sammelpunkt zur Splitterlandschaft

Früher war vieles einfach: Man ging auf BoardGameGeek, las die News, diskutierte im Forum. Ein Ort, viele Stimmen.

Heute zerfällt Brettspiel-Content in Podcasts, Newsletter, Substacks, Discords, YouTube-Kanäle und eben auch unabhängige Journalistenseiten. Jeder baut sein eigenes kleines Lagerfeuer. Reichweite wird fragmentiert, Aufmerksamkeit verteilt, die Community zerfasert.

Eric geht diesen Weg bewusst. Nicht aus Trotz, sondern aus Überzeugung: weg vom Plattform-Kompromiss, hin zum kuratierten Journalismus.

Das ist mutig – und riskant. Denn unabhängiger Content bedeutet auch: Abhängigkeit von einer Community, die bereit ist, Zeit (und auch Geld) zu investieren. Keine Algorithmen, die einen tragen. Kein riesiger Traffic-Staubsauger. Nur er und seine Inhalte.

Was bleibt

BoardGameGeek verliert eine prägende Stimme. Die Szene gewinnt eine neue Plattform.

Vielleicht ist das die Zukunft unseres Hobbys: weniger zentrale Leuchttürme, mehr spezialisierte Inseln. Weniger „alle hier“, mehr „finde deine Leute“. Für Leser anstrengender. Für Inhalte vielleicht ehrlicher. Wo ist eigentlich RSS geblieben? Vielleicht wird es Zeit den RSS Reader wieder anzuwerfen.

W. Eric Martin hört nicht auf, über Spiele zu schreiben. Er schreibt nur anders weiter.

Und wir? Wir müssen lernen, wieder gezielter zu lesen.


HIER geht es zu Board Game Beat.

HIER findet ihr den Artikel auf Boardgamegeek.com

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