Persian Game Jam 2025
Ich hab hier viel zu lange nichts mehr geschrieben, dabei ist es nicht so, dass nichts passiert wäre. Es hatten sich einfach andere Aktivitäten in den Vordergrund gedrängt. Lust habe ich eigentlich noch. Und aktuell brennt mir was auf der Seele. Trigger-Warnung für alle, die das für skandalös halten: Ich vermische heute mal wieder Spiel und Politik,.
Kurz vor Weihnachten war ich nämlich zum zweiten Mal eingeladen worden, mich als Juror an einem Persian Game Jam zu beteiligen (aus der Ferne). Ein Game Jam ist eine Veranstaltung, auf der Leute Spiele erfinden. In der Regel ist sie gezielt zu kurz für eine ausgereifte Entwicklung (einen Tag lang zum Beispiel, wie auch hier). Es geht also darum, nach einer Vorgabe (Thema, Material, oder etwas anderes) ein Spiel zu entwickeln und einen spielbaren Prototyp herzustellen und damit hinnerhalb der kurzen Zeit möglichst weit zu kommen. Oft werden eine oder mehrere der dabei herausgekommenen Ideen prämiert.
Und ja, solche Game Jams gibt es auch im Iran. Bei der vorherigen Ausgabe 2024 war ich auch schon als Juror dabeigewesen. Damals war die Vorgabe gewesen, eine Variante von UNO zu entwickeln. Von relativ zahmen Varianten bis zu Call of Cthuno war alles dabei gewesen, und es hat Spaß gemacht, mir das alles anzusehen. Spielen konnte ich es nicht, wir Juror:innen kriegten jeweils ein Video und die Regeln für die Begutachtung. Nicht alle Regeln waren immer so klar, was nicht verwunderlich ist, da für Blindtests auf so einem Game Jam nicht viel Zeit bleibt. Aber es war ein großer Spaß, und es hatte mich gefreut, dabeisein zu können.
Ebenso habe ich mich gefreut, als ich für den Game Jam 2025 wieder angefragt wurde,. Der Iran hat, seit ich vor gut 30 Jahren mal für ein paar Wochen durchgereist bin, einen besonderen Platz in meinem Herzen bewahrt. Nicht nur wegen der Sehenswürdigkeiten und der freundlichen Menschen, denen wir begegnet sind, sondern auch wegen der ständig spürbaren Kultur des Aufbegehrens und Brechens von Regeln. Ich habe damals gedacht, dass der Iran sich von der Diktatur irgendwann würde befreien können, aber leider ist das noch imer nicht passiert. Die spektakulären Spielecafés, die es dort gibt, wären ein Traumziel von mir, wenn ich dort eines Tages noch mal hinkommen sollte.
Wie dem auch sei, nachdem ich als Juror zugesagt hatte, wurde mir das Thema des neuen Game Jams mitgeteilt, und ich habe nicht schlecht gestaunt: Sagaland. Natürlich ist Sagaland ein Klassiker, aber von allen Spielen des Jahres (es war Preisträger 1982) war es das Spiel mit der niedtrigsten Altersangabe und war daher ein bisschen aus meinem Fokus verschwunden. Ich hatte irgendwann, als meine Kinder klein waren, hatte ich mir mal wieder eine alte Ausgabe auf einem Flohmarkt gekauft und war ziemlich enttäuscht gewesen – ich empfand es inzwischen als viel zu lang und oft zu frustrierend, insbesondere bei größeren Personenzahlen. Also war ich davon ausgegangen, dass es einfach nicht besonders gut gealtert sei. Erst durch die Einladung habe ich mir die Regeln wieder angeguckt und festgestellt, dass sie schon vor langer Zeit überarbeitet worden. Inzwischen dürften ganze Generationen herangewachsen sein, die das Spiel nur in der neuen Variante kennen: Gut so. Aber dass das Spiel im Iran so bekannt war, hatte ich natürlich nicht geahnt.
Vorab haben wir kleine Grußbotschaften auf Video aufgenommen. Auch Michel Matschoss, der Sagaland ja damals zusammen mit Alex Randolph entwickelt hatte, hat ein solches Video geschickt, was mich sehr gefreut hat.
Nun also ging es für die Telnehmenden am aktuellen Game Jam ebenfalls genau darum: Um eine Modernisierung oder Abwandlung von Sagaland. Und sie lieferten ab. Es gab insgesamt 13 Gruppen von meist 4 Leuten (mit seit dem letzten Jahr klar gestiegenem Frauenanteil, was mich besonders gefreut hat), und wieder spannende Ideen, von naheliegend bis wild. Diesmal hatte ich das Gefühl, dass die Gruppen sich auch analytischer mit Sagaland auseinandergesetzt hatten als letztes Jahr mit UNO. So gab es diverse Beiträge, in denen das gelegentlich langwierige Würfeln verkürzt wurde, mit verschiedenen und verschieden sinnvollen Methoden. In einem anderen Beitrag hatten die einzelnen Märchenkarten, die man einsammelt, noch besondere Fähigkeiten, was die thematische Einbindung gestärkt hat (auch wenn das normalerweise nicht ganz mein Stil ist). Den Vogel abgeschossen hat aber „—“, das die Würfel gleich ganz weglässt – man schnippst stattdessen seine Spielsteine durch den Wald. Das war schon eine wilde Idee, und die hat am Ende auch gewonnen. Innerhalb der Jury gingen die Meinungen zum Teil deutlich auseinander, was sicherlich auch ein Stück weit daran gelegen hat, dass wir die Spiele eben nicht direkt ausprobieren konnten. Ich hoffe aber, dass wir ein bisschen dazu beigetragen haben, Nachwuchsautor:innen zu ermutigen.
Aber natürlich ist mir die Freude an diesem Event nur wenige Tage später jäh vergangen, als das iranische Regime die Proteste blutig niedergeschlagen und Tausende Menschen ermordet hat. Es bleibt nicht aus, dass man sich Gedanken darüber macht, ob jemand von denen dabei war, die einem direkt zuvor noch spannende Spielkonzepte vorgestellt haben. Das werde ich vermutlich nie erfahren, mir aber noch lange Gedanken darüber machen. Ich wünsche mir einfach, dass die Verbrecherbande an der Spitze dieses Staates endlich verjagt werden kann und dass die Menschen wieder mehr Gelegenheiten haben, sich an der Schönheit des Lebens zu erfreuen.
زن، زندگی، آزادی
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