Crowdfunding-Horror: Quodd Heroes (2nd Edition) — Kickstarter — 200.000 Dollar eingesammelt, kein Spiel ausgeliefert
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Eine Kickstarter-Kampagne sammelte 2022 rund 200.000 US-Dollar ein - fast vier Jahre später hat niemand das Spiel bekommen, und der Creator hat das Projekt aufgegeben.
Im September 2022 startete Ryan Iler unter seinem Label Wonderment Games eine Kickstarter-Kampagne für Quodd Heroes (2nd Edition). Die Neuauflage seines 2018 erschienenen Action-Brettspiels sollte alles besser machen: überarbeitetes Regelwerk, vorgemalte Miniaturen, ein neues Szenario-Buch. 2.006 Unterstützende vertrauten dem Creator, die erste Edition war schließlich erfolgreich ausgeliefert worden. Sie gaben zusammen 284.704 kanadische Dollar (rund 200.000 US-Dollar). Die geplante Auslieferung: Oktober 2022. Es kam anders.
Quodd Heroes (2nd Edition) - Fakten
Chronik des Scheiterns
Die erste Edition von Quodd Heroes war 2017 auf Kickstarter ein Erfolg: 65.000 kanadische Dollar von 2.923 Unterstützenden, pünktlich ausgeliefert. Das Spiel erhielt respektable Kritiken und entwickelte eine treue Community. Als Ryan Iler im September 2022 die zweite Edition ankündigte, schien das Projekt auf solidem Fundament zu stehen.
Die Kampagne lief vom 6. bis 30. September 2022 und brachte 284.704 kanadische Dollar ein - mehr als das Vierfache der ersten Edition. Doch bereits die geplante Auslieferung im Oktober 2022 war unrealistisch: Nur einen Monat nach Kampagnenende sollte produziert und versendet sein. Als dieser Termin verstrich, wurde die Lieferung auf September 2023 verschoben.
Im Laufe des Jahres 2023 wurde die Kommunikation spärlicher. Updates kamen seltener, wurden vager. Anfang 2025 dann die entscheidende Wende: Auf der Gamefound-Projektseite erschien Update Nummer 14, in dem Ryan Iler einen Funding-Shortfall von bis zu 150.000 US-Dollar einräumte. Kickstarter untersage zudem eine zweite Kampagne, um die Lücke zu schließen.
Im März 2025 wurde das Projekt auf BoardGameGeek offiziell als „Failed" markiert. Das letzte Update datiert vom 4. April 2025. In einem im Juni 2026 erschienenen YouTube-Video des Kanals BoardGameCo zitierte Moderator Alex Radcliffe den Creator mit den Worten, er sei „for the sake of my mental health, I'm just kind of done with the project" - zugunsten seiner psychischen Gesundheit mit dem Projekt abgeschlossen.
Was lief schief?
Die Analyse der verfügbaren Informationen zeigt ein Muster aus Fehlkalkulation, finanzieller Schieflage und Kommunikationsversagen:
Unrealistische Zeitplanung. Von Kampagnenende bis Auslieferung einen Monat einzuplanen, war von Beginn an illusorisch. Selbst die Verschiebung auf September 2023, ein Jahr nach Kampagnenstart - erwies sich als nicht hältbar. Professionelle Brettspielproduktionen benötigen typischerweise 12 bis 18 Monate.
Finanzielle Schieflage vor Kampagnenstart. In der Facebook-Gruppe Board Game Revolution berichteten Unterstützende, Ryan Iler habe zugegeben, einen Großteil der Kampagnengelder zur Begleichung alter Schulden verwendet zu haben. Das erklärt den plötzlichen Funding-Shortfall: Von den rund 200.000 US-Dollar war nach Abzug von Kickstarter-Gebühren, Steuern und Schuldentilgung offenbar nicht genug für die eigentliche Produktion übrig.
Kein Plan B. Als die Finanzierungslücke offensichtlich wurde, fehlte eine Exit-Strategie. Kickstarter verbot eine zweite Kampagne - eine naheliegende Option, die sich Iler mit seinem Vorgehen selbst verbaute. Alternative Finanzierungswege wie Investorensuche oder Verkauf der Rechte wurden offenbar nicht oder nicht erfolgreich verfolgt.
Kommunikationsabbruch. Statt Transparenz herrschte zunehmend Schweigen. Die letzten Monate vor der Aufgabe des Projekts waren von vagen Statusmeldungen geprägt, bis die Kommunikation ganz versiegte.
Wo ist das Geld?
Diese Frage lässt sich nicht abschließend beantworten. Klar ist: Ryan Iler hat nach eigener Aussage einen Teil der Gelder für die Tilgung von Altschulden verwendet. Der von ihm genannte Shortfall von 150.000 US-Dollar legt nahe, dass nur ein Bruchteil der 200.000 US-Dollar in die eigentliche Spielentwicklung und Produktion floss.
Ob darüber hinaus Gelder veruntreut wurden oder schlicht durch Fehlkalkulation verloren gingen, ist öffentlich nicht belegbar. In der Community wird der Vorwurf des Betrugs erhoben, ein BoardGameGeek-Kommentar nennt Iler einen „Dieb, der Steuern und Versandkosten kassierte, Betrug beging und irgendwie damit durchkam". Diese Bewertung spiegelt die tiefe Enttäuschung wider, ist aber nicht mit juristisch verwertbaren Fakten unterlegt.
Dieser Frust ist, laut Alex Radcliffe vom YouTube-Kanal BoardGameCo (Juni 2026), symptomatisch:
„Ich würde töten, um eine richtige Quodd Heroes Second Edition in die Hände zu bekommen. Ich würde nicht wirklich töten. Das ist schlecht. Macht das nicht. Aber ich will dieses Spiel. Ich bin so traurig."
Lessons Learned
1. Kein Geld für alte Schulden. Wer eine Crowdfunding-Kampagne startet, um mit dem Erlös frühere Verbindlichkeiten zu begleichen, betreibt ein Schneeballsystem - kein Publishing. Die Kampagnengelder sind für das versprochene Produkt zweckgebunden.
2. Realistische Zeitpläne sind nicht verhandelbar. Ein Liefertermin vier Wochen nach Kampagnenende ist selbst bei einem komplett fertigen Spiel unseriös. Die Community akzeptiert realistische Zeitpläne, was sie nicht akzeptiert, sind ständige Verschiebungen ohne ehrliche Begründung.
3. Transparenz schlägt Schweigen. Ein ehrliches „Wir haben ein Finanzierungsproblem, hier sind unsere Optionen" hätte das Vertrauen vielleicht nicht gerettet, aber zumindest gewahrt. Stattdessen wählte Iler den Weg in die Funkstille, die sicherste Methode, jede verbliebene Glaubwürdigkeit zu zerstören.
4. Die Vergangenheit ist keine Garantie. Dass die erste Edition pünktlich ausgeliefert wurde, war für viele Unterstützende das entscheidende Vertrauenssignal. Doch vergangene Zuverlässigkeit schützt nicht vor aktuellen Fehlentscheidungen - besonders dann nicht, wenn sich die finanzielle Situation des Creators zwischen den Kampagnen grundlegend verschlechtert hat.
Quellen
- Kickstarter: Quodd Heroes (2nd Edition) - Kampagnenseite mit Funding-Details (Sep 2022)
- BoardGameGeek: Quodd Heroes (2nd Edition) - Spieldaten, Bewertungen und Status
- Facebook: Board Game Revolution - Community-Diskussion über gescheiterte Kickstarter, inkl. Quodd Heroes
- Facebook: Quodd Heroes Shortfall - Diskussion über den $150.000 Funding-Shortfall
- YouTube: BoardGameCo - $1,973 I'll Never Get Back - Video mit Creator-Statement und Einordnung (Juni 2026)
- Gamefound: Update #14 - Offizielle Mitteilung zum Funding-Shortfall
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